Komjáthy Miklós: Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1914–1918) (Magyar Országos Levéltár kiadványai, II. Forráskiadványok 10. Budapest, 1966)

Einleitung: Die Entstehung des gemeinsamen Ministerrates und seine Tätigkeit während des Weltkrieges

gen weitergehen, möchte ich gleich hier bemerken, daß diese Tatsache die Authenti­zität der Protokolle natürlich nicht berührt.) Im vorangegangenen wurde bereits der Weg aufgezeigt, den die Ministerrats­protokolle zurücklegen mußten, bis sie die uns bekannte, derzeitige Form erhielten. Dabei war auch davon die Rede, wie in den Reinschriften der vom Schriftführer abgefaßten und vom Minister des Äußern umgestalteten Konzepten von den Mitgliedern des gemeinsamen Ministerrates Änderungen vorgenommen wurden. Über diese nachträglichen Abänderungen und Ergänzungen ist auch in dem mit den Protokollen in Zusammenhang stehenden Schriftwechsel die Rede. 316 Inwie­weit sind diese nachträglichen Korrekturen charakteristisch und was dokumentieren sie? In anderem Zusammenhange wurde schon über eine, von István Tisza vor­genommene, sehr charakteristische Korrektur gesprochen, daß er nämlich den im Protokoll vorkommenden Ausdruck »Gesamtmonarchie« in »der ganzen Monar­chie« verbesserte. Diese Korrektur halte ich für so bezeichnend für Tisza, daß ich mit Bestimmtheit annehme, daß diese Feststellung des ungarischen Minister­präsidenten auch in Wirklichkeit, im Laufe der Debatte wörtlich so erfolgt ist. Während diese von Tisza vorgenommene Abänderung 317 dafür spricht, daß durch die nachträglichen Korrekturen die Glaubwürdigkeit, die Zuverlässigkeit der Protokolle im allgemeinen erhöht wurde, müssen wir aus einer anderen Korrektur gerade die entgegengesetzte Folgerung ziehen. Im Kronrat vom 22. März 1917, in welchem István Tisza als aktiver Politiker zum letztenmal auf höchster Ebene seine politische Anschauung bzw. die charakteristischen Grundprinzipien 318 seiner Politik in ihrer ganzen Tiefe und Breite entfaltete, verwahrte er sich schärfstens dagegen, daß der Österreichisch-Ungarischen Monarchie solche Völker bzw. Gebiete angeschlossen würden, durch welche die für das Habsburgreich bereits gefährlichen zentrifugalen Kräfte noch verstärkt würden. Dabei hat er seine innerpolitischen Schwierigkeiten angedeutet. Zumindest nach dem ursprünglichen Text der Reinschrift des Protokolls. In diesem sind nämlich folgende Worte zu lesen, die Tisza nachträglich gestrichen hat: »... verweist auf die Schwierigkeiten seiner Lage«. Der österreichische Ministerpräsident Clam-Martinic, mit dem Tisza eben in dieser Frage eine heftige Kontroverse hatte, leitete laut Protokoll m Zusammenhang mit der behandelten Frage eine seiner Feststellungen mit folgender Redewendung ein: ». . . wenn Graf Tisza auf die Schwierigkeiten seiner Lage hingewiesen habe . . .« 319 So oft und so sorgfältig die Protokolle auch durch­gesehen wurden, dieser innere Widerspruch ist dem nicht aufgefallen, der den Text des Protokolls dem Herrscher in seiner endgültigen Form vorgelegt hat. Ich meine, Tisza hat zweifellos auf seine schwierige Lage angespielt. Diese Feststellung schien ihm jedoch zur Zeit, als ihm der Text des Protokolls zur Kenntnisnahme und Kontrolle vorgelegt wurde, aus irgendwelchem Grunde für unbequem und er hat sie deshalb gestrichen. (Wenn er auch bemerkt hätte, daß diese Verstümme­lung seiner im Protokoll reproduzierten Worte auch notwendigerweise eine entsprechende Abänderung der Erklärung des österreichischen Ministerpräsiden­ten nach sich ziehen müßte, kann als sicher angenommen werden, daß er diese nicht vorgenommen haben würde. Eine Abänderung der Worte seines Kollegen wäre ihm sicher als eine eigenmächtige und ihm unerlaubte Handlung erschienen.) 7 Komjáthy: Protokolle 97

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