Mitteilungen des K. K. Archivrates 2. (Wien, 1916)
Dr. Eduard Strassmayr: Das Archiv der Marktkommune Kirchdorf in Oberösterreich
90 Dr. Eduard Straßmayr. über den Paß an die Adria, um sich nach dem heiligen Lande einzuschiffen. Der Kaufmann benützte fleißig diesen Handelsweg nach dem Süden und kehrte mit kostbarer venezianischer Ware reich beladen in die Heimat zurück.') Ein seit dem Mittelalter im Kremstale blühender Erwerbszweig, die Sensenfabrikation, forderte den Wohlstand der Bevölkerung in und um Kirchdorf und festigte den Ruf der österreichischen Eisenindustrie in fremden Ländern. Kam die Lage an einer lebhaften Verkehrsstraße dem Orte sehr zustatten, so erfreute sich derselbe auch der Gunst mächtiger Fürsten, der Bamberger Bischöfe, die im Lande reich begütert waren und Grund und Boden von Kirchdorf ihr Eigen nannten. Ehe noch das Hospiz am Fuße des Pyhrn, eine Gründung des Bamberger Bischofs Otto II. aus dem Jahre 1190, sein segensreiches Wirken in der unwirtlichen Gegend des Garstentales entfaltete, war Kirchdorf auf seelsorglichem Gebiete im Kremstale tätig.2) Bereits im Jahre 1283 stand der Ort im Genüsse des Marktrechtes3) und wurde im Laufe der späteren Jahrhunderte von Bamberg mit verschiedenen Privilegien ausgestattet. Die mannigfachen Beziehungen zu diesem Hochstifte haben denn auch einen starken schriftlichen Niederschlag gefunden und das Kommunalarchiv weit über die historische Bedeutung der meisten Gemeindearchive hinausgehoben. Bis zum Jahre 1776 scheint die Sorgfalt, die Richter und Rat ihren alten Schriften angedeihen ließen, keine besondere gewesen zu sein. Nicht eine Spur von einer Indizierung in früherer Zeit, keine Angabe über den Aufbewahrungsort des Archives scheint in den Akten auf. Im genannten Jahre trat der Markt mit Johann Adam Wolfgang Trauner »wegen Errichtung einer ordentlichen Registratur« in Verbindung.4) An die Person dieses Mannes knüpft sich eine der fruchtbarsten und erfolgreichsten Epochen in der oberösterreichischen Archivgeschichte. Seine rastlose, nahezu zwanzigjährige Tätigkeit für die Ordnung und Re9 Im Jahre 1410 befiehlt Herzog Ernst von Österreich auf eine Beschwerde der Stadt Steyr hin, daß die Kirchdörfer nicht venezianische Waren über den Zeiring heraufführen dürfen. Kollationierte Abschrift von 1449. Landesarchiv Linz, Statthaltereiakten, Band 53, Nr. 1. !) Im Jahre 1111 scheint die Pfarre Kirchdorf urkundlich auf. Urkundenbueh des Landes ob der Enns 2, 145. 3) Urkundenbueh des Landes ob der Enns 4, 13. *) Vor Inangriffnahme der Ordnuhgsarbeiten hatte das Archiv bereits einen empfindlichen Verlust erlitten. In einer bei Lade 167 (Spitalrechnungen) des alten Archivinventars gemachten Anmerkung beklagt sich Trauner darüber, daß die Spitalrechnungen nebst sehr vielen anderen Schriften von der Marktschreiberin an die Krämer und »Wellischen« um ein geringes Geld, das Buch Papier zu sechs Pfennig oder zwei Kreuzer verkauft und dadurch dem Markte unersetzliche Verluste zugefügt worden seien.