Mitteilungen des K. K. Archivrates 1. (Wien, 1914)
Literatur und Notizen
304 Literatur. Um die vorliegende Publikation gerecht zu beurteilen, ist es notwendig, sieh die Bedingungen ihrer Entstehung vor Äugen zu halten. Sie ist hervorgegangen aus archivalischen .Recherchen, welche die Kommission für neuere Geschichte Österreichs vornehmen ließ, um für die von ihr geplanten Veröffentlichungen, vor allem für die Korrespondenzen österreichischer Herrscher, das Material möglichst vollständig zu sammeln; erst später dachte und schritt man daran, den so gewonnenen Stoff in Form von Archivberichten allgemein zugänglich zu machen. Es soll kein Vorwurf gegen die Herausgeberin, noch weniger gegen die Bearbeiter sein, wenn festgestellt werden muß, daß die Spuren dieser Entwicklung dem fertigen Werke deutlich anhaften. Das war nicht zu vermeiden und tritt naturgemäß in den drei ersten Heften noch mehr hervor, in denen über eine Reihe von Archiven berichtet wird, deren Verzeichnung zwölf Jahre und mehr zurüekliegt, also in eine Zeit fällt, da eine Veröffentlichung noch nicht beabsichtigt war; eine Nachprüfung und Vervollständigung ist da oft nur schwer möglich. Aber auch wo eine solche stattgefunden hat oder die Verzeichnung von vornherein auf breiterer Grundlage vorgenommen wurde, war es durch die Arbeitsrichtung der Kommission bedingt, daß das Hauptaugenmerk den für die Staatsgeschichte wichtigen Beständen zugewendet wurde, dagegen das in familien- oder kulturhistorischer Beziehung belangreiche Material, wenn auch nicht zurückgedrängt werden mußte, so doch in den Hintergrund geraten konnte und die Aufnahme von Wirtschaftsakten aus dem Plane des Unternehmens überhaupt ausgeschaltet, beziehungsweise auf die bloße Erwähnung des Vorhandenseins von Ver- waltungsarehiven eingeschränkt wurde; den letzteren Grundsatz haben übrigens einige Berichterstatter nicht eingehalten, vom Standpunkte der archivbenützenden Allgemeinheit gewiß kein Fehler. Daß die Archivberichte, was Ausführlichkeit und Anordnung der Verzeichnung anlangt, kein einheitliches Bild geben, ist ein Schicksal, das sie mit fast allen Werken teilen, au denen eine größere Zahl von Autoren beteiligt ist; gerade bei archivalischen Arbeiten dieser Art aber kommen zu der verschiedenen Auffassung und spezifischen Eignung der Bearbeiter noch objektive Momente hinzu: Ordnungszustand des Archivs, die zur Verfügung stehende Zeit und die Arbeitsbedingungen, die alle, fast von Fall zu Fall wechselnd, einer einheitlichen Gestaltung des Ganzen entgegenwirken. Eine vollständige literarische Erschließung der hier behandelten Archive für die wissenschaftliche Benützung nach allen Richtungen hin wird in den meisten Fällen auf Grund einer nochmaligen Aufnahme an Ort und Stelle geschehen müssen, aber wann dies geschehen wird und kann, hängt von mancherlei gewichtigen Momenten ab. Zunächst handelt es sich hier fast durchwegs um Archive einer Art, die ihre Schätze nicht leicht Außenstehenden enthüllen und da war die Kommission für neuere Geschichte Österreichs vermöge ihrer ganzen Stellung und der hervorragenden in ihrer Leitung wirkenden Persönlichkeiten besonders berufen, zum ersten Male den Schleier zu lüften; daß eine Durchforschung dieser Archive auch von anderer Seite das gleiche Entgegenkommen der Besitzer finden werde, ist zu hoffen, aber es ist nicht in allen Fällen und unter allen Umständen gewiß. Jedenfalls aber wird es noch eine geraume Weile dauern, bis an eine systematische Inventarisierung all dieser Archive wird geschritten werden können und diese wird dann in der Lage sein, sieh mit einer Vervollständigung des hier Gebotenen zu begnügen, ein Umstand, der schon im Hinblick auf die beschränkten hiefür zu Gebote stehenden Mittel einen großen Vorteil bedeutet.