Mitteilungen des K. K. Archivrates 1. (Wien, 1914)

Prof. Dr. Hans Reutter: Südmährische Archive. 1. Das Archiv der Stadt Zlabings

Siidmährische Archive. 253 Kópiái- oder Missivbuch anlegen mit den Abschriften aller vorhandenen Stadt- und Zunftprivilegien seit 1380. Mit Ende des 17. Jahrhunderts zweigte vom Stadtarchiv auf kurze Zeit ein eigenes Richterarchiv ab, um aber im 18. Jahrhundert bald zu verschwinden, auch die geordneten Zustände des Stadtarchivs hören auf und völlige Gleichgültigkeit gegen ältere Archivbestände reißt ein. Nur ausnahmsweise wurde zirka 1765 unter Primator Kitzler eine Art Inventar der wichtigeren Urkunden an­gelegt. Erst seit Auflösung des alten Stadtrates (1788) und Einsetzung eines besoldeten Syndikus finden wir eine geordnete Registratur mit Einteilung nach fachlichen Leitpunkten, auch wurden die älteren Archi­valien gemeinsam in der eisernen Ratskasse aufgehoben, ein Zustand, der bis Anfang des 20. Jahrhunderts dauerte. Nur kam seit zirka 1850 die Registratur gänzlich in Unordnung. Die Akten lagerten gebündelt in zwei Archivkästen der Gemeindekanzlei, die Bündel zerfielen und wurden zerlegt und um 1900 bildeten diese älteren Registraturbestände von zirka 1780 bis 1870 ein ungeheueres verstaubtes Chaos, wobei viele Akten verloren gingen. Namentlich zu Anfang der sechziger Jahre sollen ältere Archivbestände wagenweise an die Krämer und Kaufleute als Makulatur verkauft worden sein, wie man mir mitteilte. So kommt es, daß gerade für die Zeit von zirka 1780 bis 1830 das Zlabingser Stadt­archiv so wenige Archivalien erhalten hat, wie kaum aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Glücklicherweise fanden einzelne, auch ältere Archi­valien, sichere Stätten. Freilich, der Sammler Horky, der 1819 die west­mährischen Archive bereiste, hat nach einer Notiz des Stadtschreibers »viele Urkunden und Archivalien ausgeborgt, aber nichts mehr zurück­gegeben«, und dieser Verschleppung scheinen besonders die zirka 25 alten Kodizes, meist geistlichen Inhalts, auf dem Rathause zum Opfer gefallen zu sein. Diese 25 Kodizes des 14. und 15. Jahrhunderts (Verzeichnis unten), die heute eine Zierde des Archivs wären, waren noch 1856 vor­handen und siud seither spurlos verschwunden, ohne daß nur ein Anhalts­punkt des Verschleppungsvorganges vorhanden wäre. Doch hat Boczek in den Jahren nach 1840 sich insofern um das Archiv verdient gemacht, als er nicht bloß Abschriften vieler heute verlorener Urkunden des Archivs anlegte, sondern auch gegen 900 Originalakten, Urkunden und Briefe des 15. bis 18. Jahrhunderts mitnahm, die aus seinem Nachlasse dann in das mährische Landesarchiv gelangten, wo sie heute einen ungemein wertvollen Schatz namentlich für die innere Stadtgeschichte bilden. Aus der Zeit regerer Archivtätigkeit unter Chlumetzky und Chytil stammt auch das 1856 verfaßte Archivalienverzeichnis des Pfarrers Maresch, das im ganzen schon den heutigen Archivstand zeigt. Heute ist das Zlabingser Stadtarchiv modernen Anforderungen, soweit sie in einer kleinen Stadt erfüllbar sind, entsprechend eingerichtet. 17*

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