Mitteilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 6. (Dritte Folge, 1909)

Major Czeike: Die Cernierung und Erstürmung Wiens im Oktober 1848

Cernierung' und Erstürmung Wiens 18á8. 323 mehr als zwei Stunden mit Vollkugeln und Granaten be­schießen, konnte sie jedoch wegen Mangels an Truppen nicht kräftig angreifen. Gegen Abend langte bei Wyss die Mel­dung ein, daß ein Teil der Truppen des I. Armeekorps den Donaukanal beim Lusthaus übersetzt habe und im Prater gegen die Jägerzeile vorgerückt sei. Die im Nordbahnhof nach­mittags eingeführte zwölfpfündige Batterie Nr. 1 erhielt nun den Befehl, die Sternbarrikade am Ausgang der Jägerzeile zu beschießen, um den Sturm, welcher beim Eintreffen der Truppen des Banus ausgeführt werden sollte, entsprechend vorzubereiten. Allein diese erwarteten Truppen erschienen nicht. Das Gewehrfeuer im Prater verstummte gegen Abend nach und nach und obwohl die Insurgenten gegen 6 Uhr abends ihre Geschütze aus der Barrikade zurückzogen und diese nur mehr schwach besetzt hielten, glaubte Wyss in Anbetracht der geringen Truppenzahl und des eingetretenen Munitionsmangels und weil er überdies befürchtete, die bereits errungenen Vorteile durch ein Nachtgefecht aufs Spiel zu setzen, den vorbereiteten Sturm nicht mehr unternehmen zu können ]). Noch am selben Abend stellte Wyss die Verbindung mit der in den Prater vorgerückten Brigade Gramout. des J) K. A., F. A. 18A8, Cernierung Wiens, X, 204a. Uber die Beschießung der Sternbarrikade und deren Verteidigung durch die Insurgenten gibt die Erzählung eines Augenzeugen (Dr. Karl Habit, Erlebnisse in den Tagen der Oktoberrevolution des Jahres 1848) nachstehende interessante Aufschlüsse: Von Seite der kaiserlichen Truppen wurden gegen die Sternbarrikade in kürzeren oder längeren Pausen je 6 Kanonenschüsse hintereinander abgegeben, welche die In­surgenten bis gegen Mittag mit ebonsovielen Schüssen regelmäßig er­widerten. Im Verlaufe des Nachmittags schwächte sich jedoch dieses Geschützfeuer der Insurgenten derart ab, daß auf 6 von außen abge­gebene Kanonenschüsse anfänglich nur 5, später 4, dann nur mehr 3 und 2 Kanonenschüsse aus der Sternbarrikade folgten, bis endlich das Feuer der Insurgenten gänzlich verstummte. Gegen 6 Uhr abends er­griff die Verteidiger der Sternbarrikade eine derartige Panik, daß Le­gionäre, Nationalgardisten und Mobile mit Munitionswagen und Geschütz­protzen in wilder Flucht von der Sternbarrikade durch die Jägerzeile gegen die Stadt zu rasten und hiebei auch jene Insurgenten mitrissen, welche den guten Willen hatten, die Verteidigung im oberen Teile dieser Straße fortzusetzen. In der Jägerzeile blieb kein Verteidiger mehr 21*

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