Mitteilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 5. (Dritte Folge, 1907)

Major Ludwig Eberle: Die Mission des Obersten Steigentesch nach Königsberg im Jahre 1809

Die Mission Steigentesch 1809. 371 österreichische Hauptquartier senden wolle, sobald der Augen­blick, wo er wirken könne, gekommen sei. Auf die Ein­wendungen Steigentesch’, daß der sofortige Anschluß Preußens für beide Teile mehr Wert besitze als der spätere, wo ein wahrscheinlich guter Erfolg das Schicksal Deutschlands in die Hände Österreichs geben würde, erwiderte Nagler achselzuckend: „Wenn ich König wäre, so ständen schon 60.000 Mann über der Elbe; aber es gibt leider rechtliche Menschen, die das Gute mit Eifer wollen, die aber keiner Be­geisterung fähig sind. Dies ist der Charakter des Königs, der durch Unglück aller Art so tief gebeugt ist, daß ihn selbst die Hoffnung, daß es besser werden könne, verlassen hat. In­dessen hoffen Sie alles von uns, die wir ihn umgeben; wir werden so anhaltend in ihn dringen, daß er nicht wider­stehen kann.” Nun rückte er verblümt mit dem Auftrag heraus; er sprach von dem Aufsehen, das Steigentesch’ Erscheinen erregt habe, daß besonders der russische Resident sich alar­miert zeige und vielleicht einige Hitzköpfe in der Armee den Obersten in die unangenehme Lage versetzen könnten, daß er ihre Pläne unterstütze. Dann spielte Nagler auf die Anwesenheit Steins in Österreich an, wodurch der eben ge­äußerte Verdacht genährt werde und beschwor Steigentesch endlich, seinen Aufenthalt abzukürzen, da der König, der jetzt unvorbereitet sei, Frankreich gegenüber jeden Anlaß meiden wolle. Steigentesch wallte auf und forderte einen schriftlichen Befehl des Königs sowie die Antworten auf die mitgebrachten Briefe. Schon um Mittag hatte er beides in Händen 1j. Dem ausgesprochenen Wunsche des Königs folgend, erschien Steigentesch um 5 Uhr nachmittags zur Audienz. Der König bedauerte, durch die Umstände gezwungen gewesen zu sein, Steigentesch nicht öfters zu sehen und fügte hinzu, der Oberst dürfte sich von den Verhältnissen derart überzeugt haben, daß seine Schilderung die beste Entschuldi­gung für die Untätigkeit Preußens beim Kaiser sein würde. *) *) Der Befehl abgedruckt bei Stern, Abhandlungen und Akten­stücke, 83, Anmerkung 1. 24*

Next

/
Thumbnails
Contents