Mitteilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 5. (Dritte Folge, 1907)

Major Ludwig Eberle: Die Mission des Obersten Steigentesch nach Königsberg im Jahre 1809

342 E b e r 1 e. den Hiobsposten nnd die schließlich erfolgte Einnahme von Wien durch die Franzosen verwandelte den begeisterten Schwärmer für die preußisch-österreichische Verbrüderung in einen behutsamen Zauderer, der nun ganz zur zuwartenden Haltung seines königlichen Herrn abschwenkte. Friedrich Wilhelm, bedrückt durch die quälende Sorge hinsichtlich der endgültigen Stellungnahme Rußlands, zitterte vor der Rache Napeleons, banger Befürchtungen voll, daß es trotz aller gegenteiligen Versicherungen zu einem vorzeitigen Separatfrieden zwischen Österreich und Frankreich kommen könne, der Preußen mit den nach der Ansicht des Königs unzulänglichen Streitmitteln gänzlich der Willkür des Franzosenkaisers überließ. So zögerte er mit dem offenen Bekenntnis, der Sache Österreichs beizutreten, ehe die Ereignisse eine für letzteres entschieden günstige Wendung genommen hätten. Selbst die Nachricht von der Schlacht bei Aspern ver­mochte die Bedenken der beiden Männer, von denen das Schicksal Preußens in diesem Augenblick abhing, nicht zu besiegen; noch weniger waren die Ereignisse der folgenden Wochen für Preußen besonders verlockend, sich offen zu er­klären. Der überraschende Stillstand nach dem glückver­heißenden Waffengang, die abermals fortschreitende Ver­schlechterung der militärischen Lage der kaiserlichen Armee ließen Zweifel über den schließlichen Erfolg der öster­reichischen Waffen gerechtfertigt erscheinen. Diese Zweifel im Verein mit den bedrohlich lautenden Berichten über an­gebliche Bewegungen der französischen Reservearmee am Rhein bewogen Preußen, sich abwartend zu verhalten. Trat vielleicht wider Vermuten doch eine günstige Wendung des Kriegsglückes ein, so blieb noch immer Zeit, im geeigneten Augenblick seine Bundesgenossenschaft gegen angemessene Entschädigung anzubieten. Daß Stadion diese Auffassung nicht teilen konnte, ist wohl leicht begreiflich; denn wenn es den Österreichern allein gelang — wie Friedrich Wilhelm am 18. Juni forderte — dem Imperator einen zweiten glücklichen und entscheidenden Schlag beizubringen, dann war dessen Prestige unwiederbringlich dahin und die „Kooperation” der preußischen

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