Mitteilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 4. (Dritte Folge, 1906)
Hauptmann Czeike: Aufmarsch der österreichischen Armee gegen die Revolution im Oktober 1848
Die revolutionären Bewegungen des Jahres 1848, von Paris ihren Ausgang nehmend, hatten auch Österreich nicht verschont. Nach den verhängnisvollen Ereignissen der Wiener Märzrevolution, deren Errungenschaften — Preßfreiheit, Errichtung der Nationalgarde, Zusicherung einer konstitutionellen Verfassung — mit Jubel begrüßt wurden, war in der Residenz momentan Ruhe eingetreten, die Bewegung jedoch keineswegs zum Stillstand gebracht worden. Schon anfangs April gewann die Partei des Umsturzes wieder die Oberhand und Volksversammlungen, in welchen fanatische Reden gehalten wurden, Katzenmusiken, Straßenskandale und Exzesse des Pöbels standen auf der Tagesordnung. Die gesetzliche Gewalt lag in vollständiger Apathie, das Ministerium schritt nirgends energisch ein. Am 25. April erschien die neue Verfassung. Anfänglich mit Begeisterung aufgenommen, genügte sie schon nach kurzer Zeit — als oktroyiert — den Führern der Volksbewegung nicht mehr; die Aufregung wuchs neuerdings und machte sich schließlich in der „Sturmpetition” des 15. Mai in der Hofburg Luft, welche die Aufhebung der Verfassung und die Einberufung eines konstitutionellen Reichstages verlangte. Kaiser Ferdinand bewilligte zwar auch diese Forderungen, verließ aber nach diesen Vorgängen am 17. Mai Wien und begab sich mit der kaiserlichen Familie in den Schutz seiner getreuen Tiroler nach Innsbruck. Die nun vom Ministerium verfügte Auflösung der akademischen Legion — der Quelle steter Beunruhigung — führte am 26. Mai zum offenen Aufruhr und Barrikadenbau.