Mitteilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 4. (Dritte Folge, 1906)
Hauptmann Jacubenz: Die Besetzung von Krakau 1846
Die Besetzung von Krakau 1846. 227 Nach dieser in der Stadt und am Lande stürmisch verlaufenen Nacht ließ GM. Collin in Krakau das Standrecht publizieren. Scheinbar trat Ruhe ein. Die Truppen bezogen dieselben Stellungen wie am Abend vorher und für den ungünstigsten Fall wurde das von einer Infanterie- und einer Milizkompagnie besetzte Schloß „Wawel” als Sammelplatz und Reduit bestimmt, sowie auch notdürftig verproviantiert. Die Nacht verging, ohne daß der erwartete Angriff der Insurgenten erfolgt wäre. Keine der ausgesendeten Patrouillen meldete Neues, um so deutlicher aber sprachen die Berichte der im Laufe des Tages rückgekehrten Chevaulegers über die Vorfälle im Landgebiet. Am 22. Februar bald nach Mittag erhielt GM. Collin die Meldung von dem Vorrücken starker Insurgentenhaufen aus dem Landgebiet; ihre Existenz hatten schon die tags zuvor eingetroffenen Chevaulegers [festgestellt. Von Westen längs der Weichsel, von Norden auf der Warschauer Chaussee und von Osten auf der Lubliner Straße rückten starke Haufen Bewaffneter langsam gegen Krakau vor. Aus der Stadt stiegen Raketensignale empor, um den Anrückenden ein Zeichen zu geben, daß sie bemerkt wurden. Die Residenten der Schutzmächte zogen sich nach Podgórze zurück und Hofrat von Palmrode sandte an GM. Collin ein Schreiben, in welchem er ihm mitteilte, daß er das weitere Verhalten 'ganz seinem Ermessen überlasse. Der russische Resident schrieb dem General, Truppen seines Staates könnten nicht Vor einer Woche eintreffen. Endlich kamen auch aus Galizien Nachrichten, die den Ausbruch des Aufstandes meldeten. Die Lage schien so eine höchst kritische, wozu noch der Umstand hinzukam, daß die Truppen, worunter viele Rekruten, durch die wiederholten Nachtwachen erschöpft waren und nur noch wenig Munition besaßen. Gewiß war es dem GM. Collin nicht leicht, bei dieser Sachlage einen endgiltigen Entschluß zu fassen; natürlich dachte er zunächst an einen Kampf, doch die ungünstige Lage des Ringplatzes, welcher von allen Seiten von hohen Häusern eingeschlossen war, die meist auch von rückwärts Eingänge hatten, ließ es nicht Tätlich erscheinen, dort einen 15*