Mitteilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 4. (Dritte Folge, 1906)
Hauptmann Jacubenz: Die Besetzung von Krakau 1846
Die Besetzung von Krakau 1846. 219 Die in ihren Umsturzplänen unermüdlichen Emigranten in Paris hielten die Zeit für gekommen, um mit Beginn des Jahres 1846 einen neuen Aufstand hervorzurufen. In Warschau, beziehungsweise im Königreich Polen, verhinderte die strenge Militärherrschaft des EM. Fürsten Paskiewitsch vorweg jede ernstere Bewegung, darum waren diesmal vom Revolutions- komitee die Provinzen Posen und Galizien .zum Schauplatz der Erhebung erkoren. In Posen kam jedoch die preußische Regierung den Wühlern zuvor, indem sie zahlreiche Rädelsführer rechtzeitig verhaften ließ; so war die Bewegung vorläufig auf Galizien allein beschränkt. Die über das ganze Kronland zerstreuten Emigranten und Emissäre waren seit geraumer Zeit in diesem Sinne tätig. Die Regierungsorgane hatten wohl Kenntnis davon und die Kreisämter berichteten wiederholt über verdächtige Umtriebe an das Landesgubernium; allein in Lemberg wurden diese Berichte im Laufe der Jahre mit einer gewissen Gleichgiltigkeit hingenommen und nicht entsprechend gewürdigt. Man fand an leitender Stelle überhaupt, daß den Polen im heterogenen Yölkerstaat Österreich eine andere Stellung eingeräumt werden müsse als in dem national geeinten Rußland oder Preußen; darum wurde über Weisung des Monarchen den Eigentümlichkeiten des polnischen Volksstammes jede nur mögliche Rücksicht zu teil. Selbst der wiederholte Mißbrauch derselben erschöpfte nicht die Nachsicht des Kaisers 1). In Lemberg residierte seit 1832 als Zivil- und Militärgouverneur der EM. Erzherzog Ferdinand d’Este. Sein milder Sinn, seine Frömmigkeit und Wohltätigkeit hatten ihm die Sympathien des Adels erworben, welcher wieder durch vorgebliche Loyalität seine Gunst genoß. Der Adel stellte dem Erzherzog den galizischen Bauer als faul, roh und tierisch, den Ruthenen gar als Ketzer dar; auf diese Weise war es möglich, daß man im Landesgubernium die Umsturzpläne der Polen verkannte und den Berichten der Kreisvorstände nicht jene Bedeutung beimaß, die sie tatsächlich verdient hätten. x) So wurde unter anderem den im Hochverratsprozeß des Jahres 1845 zum Tode Verurteilten die Strafe gänzlich nachgesehen.