Mitteilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 4. (Dritte Folge, 1906)

Major Semek: Repressaliengefechte gegen die Montenegriner im Jahre 1838

200 Sernek. Im Besitz aller Herrscher- und mehr noch aller priester- lichen Gewalt schleuderte er den Bannfluch gegen jeden, der es wagen würde den Kampf fortzusetzen. Da beugten sich die gläubigen Hochländer vor dem Machtspruch ihres obersten Priesters, da verstummte ihr Kampfgeschrei, ihre Rachsucht knirschte in übersinnlichen Fesseln. Und der Yladika? Was hatte ihn bewogen, den sicheren Sieg aufzugeben, dem un­gestümen Drängen des ganzen Volkes halt zu gebieten — er, der früher nicht im stände sein wollte, die Regelung der Grenze zu ermöglichen ? — Die Furcht vor den Folgen! —• Der Vladika war gewiß sonst ein ganzer Mann, mutig und kühn im Kampfe, energisch und entschlossen in der Aus­führung seiner Pläne — sein Haß gegen Österreich blieb ein steter Stachel. Aber er war auch Diplomat. Ein Geschöpf jener Sorte, deren Tatkraft durch Erwägungen erlahmt, die überklug, so oft von den Ereignissen überrascht werden. Durch den russischen Hauptmann Kowalewsky aufge­stachelt, hatte er den Kampf erregt — nun bei der Ent­scheidung bangte ihm, zumal auch ersterer ihn im Stiche ließ, vor der Zukunft. Hauptmann Oreskovich sagt darüber in seinem Me­moire an die Staatskanzleix): Schon bei Beginn des Kampfes überzeugt, daß die nu­merische Schwäche der kaiserlichen Truppen, der Überzahl erliegen müsse, habe er sich nach Cattaro zu dem eben dort weilenden russischen Hauptmann Kowalewsky verfügt. Diesem, der ihn nun, etwas heuchlerisch um Rat fragte, was er bei dieser Situation tun solle, warf er in energischen Worten vor, daß er alle Schuld an den Ereignissen trage. Er habe es selbst gehört, wie er bei der Grenzregulierung im Pastrovicchio die Montenegriner aufgereizt. Nun sei es seine Sache, den Vladika zur Einstellung der Feindseligkeiten zu bewegen. Kowalewsky war bestürzt, sein Spiel entlarvt zu sehen. „Ich verspreche Ihnen, daß der mir gegebene Rat unfehlbar und augenblicklich realisiert werden wird. Der Vladika muß es tun, wenn ich es ihm sage, denn ich besitze *) H. H. u. St. A., Faszikel 9, Tiirkei-Grenzakten, Memoire des Hauptmanns Oreskovich.

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