Mittheilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 1. (Dritte Folge, 1902)

Hauptmann von Hoen: Der Strassenkampf in Paris am 28. und 29. Juli 1830

Der S tras senk amp f in Paris am 28. und 29. Juli 1830. 93 Das Volk, aus dem Louvre in die Gallerien des Museums eindringend, eröffiiete sofort ein mörderisches Feuer auf die Abtheilungen am Carroussel-Platz und im Hof der Tuilerien. Nun gab es kein Halten mehr. In wirrer Flucht, Infanterie, Cavallerie und Artillerie durch­einander, mischte sich alles mit den Schweizern. Vergeblich bemühten sich die Officiere, ihre Leute zum Stehen zu bringen. Die letzten Bande der Disciplin waren zerrissen; eine sinn­lose Angst hatte sich der Soldaten bemächtigt; viele warfen die Waffen und Uniformen weg und trachteten, im Volke zu verschwinden. Der Marschall, in der Strasse de Bohan, gewahrte mit Scham und Zorn das fluchtartige Zurückgehen seiner Leute. Er schwang sich aufs Pferd und versuchte mit den wenigen Officieren seines Stabes, die Ordnung wieder herzustellen. Es war umsonst. Er ritt mit den letzten Flüchtlingen durch den Triumph-Bogen und vermochte endlich im Hof der Tuilerien etwa 60 Schweizer zusammenzubringen, mit welchen er das nachdrängende Volk zurückwarf und als Sieger das Gefechts­feld behauptete, bis die zurückwogende Truppen-Masse durch das Thor de l’Horloge in den Tuilerien-Garten gelangte. Seine Haitang war in diesem traurigen Augenblicke eine bewunderungs­würdige. Er war ruhig inmitten der um ihn schwirrenden Ge­schosse und im Angesichte des besonders nach seinem Blute dürstenden Pöbels, als ob er einer Parade beigewohnt hätte. Der junge Las Cases, welcher sich unter den Aufständischen befand, erzählte wenige Tage nachher, dass er bereits sein Gewehr auf Marmont in Anschlag gebracht hatte, um ihn für den angeblichen Verrath im Jahre 1814 zu tödten, doch seltsam berührt und zur Bewunderung hingerissen durch dessen Tapfer­keit und Buhe inmitten der Gefahren, liess er seine "Waffe wieder sinken, wie er sagte, „einem Anderen die Sorge überlassend, den Streit mit dem Verbannten von St. Helena zu rächen”1). Der Herzog von Bagusa eilte, nachdem er die Thore hatte schliessen lassen, seinen Truppen nach, die er auf den J) Mémoires et Relations poiitiques du Baron de Vitrolles. publiés, selon le voeu de 1’Auteur, par Eugene Forgues. III. Bd., 403.

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