Mittheilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 1. (Dritte Folge, 1902)
Hauptmann von Hoen: Der Strassenkampf in Paris am 28. und 29. Juli 1830
Der Strassenkampf in Paris am 28. und 29. Juli 1830. 81 wäre, sich in einer Yertheidigungsstellung um die Tuilerien noch einen Monat bis zum Eintreffen von Verstärkungen zu behaupten. Dies klingt indessen unwahrscheinlich, da ihm um diese Zeit der schlechte Stand an Verpflegs-Artikeln und Munition bekannt sein musste und er auch wiederholte Beweise von der Unzuverlässigkeit der Linie hatte 1). "Während er den Bericht verfasste, erschien bei ihmeine Abordnung der Bürger: die Generale Lob au und Gerard, die Herren Casimir Perier* 2), Lafitte und Mauguin, mit der Bitte, dem Blutvergiessen Einhalt zu thun, indem sie sich bereit erklärten, Verhandlungen einzuleiten. Der Marschall forderte dagegen, dass naturgemäss zuerst das Volk die Feindseligkeiten einstelle, da sich seine Soldaten nicht ohne Verthei digung tödten Hessen. Hierauf verlangten sie wenigstens die Rücknahme der Ordonnanzen, in welchem Falle sie den Frieden herzustellen hofften. Dies gieng über die Machtvollkommenheit des Herzogs, der sie deswegen an den Fürsten Polignac wies; doch dieser liess sie nicht vor3 * * * * 8). Marmont *) Nack Lamartine soll der Marschall am Abend den Ministern, bevor sie nach St. Cloud reisten, seine eingenommene Stellung um die Tuilerien gezeigt und wörtlich gesagt haben: „Sie können dem Könige versichern, dass ich, was auch kommen möge, und ohne neuer Verstärkungen zu bedürfen, mich vierzehn Tage lang halten kann, wenn sich auch die ganze Bevölkerung gegen mich erheben sollte !”........... „Ja, diese Position ist uneinnehmbar, und gegen ganz Paris würde ich mich vierzehn Tage lang halten.” VIII. Bd., 276. 2) Lamartine, VIII. Bd., 261. Casimir Périer glaubte, dass Marmont um den Preis, populär zu werden, Nachgiebigkeit zeigen werde, auch meinte er, dass der Marschall einer Bestechung zugänglich sei. „Vier Millionen wären hier nicht übel angewendet,” flüsterte er Lafitte zu, der durch den Umsturz so viel wie er zu verlieren, und bei einem Vergleiche eben so viel zu retten hatte; „man muss mit Marmont unterhandeln.” Keiner dieser Führer des Bürgerthums hoffte in diesem Moment auf den Sieg durch das Volk. Sie wollten daher zur Bestechung greifen, die sie indessen dann bei der Haltung des Herzogs nicht wagten. 8) Polignac bewahrte eine unerschütterliche Buhe und Entschlossenheit. Auf die Nachricht vom Beginn des Abfalles der Linie meinte er: „Gut! Wenn die Truppen zum Volk übergehen, muss man auf sie schiessen!” (Lamartine, VIII. Bd., 265.) Bedauerlich ist, dass die sonstigen Fähigkeiten des Fürsten nicht mit seiner Energie im Einklang standen. Mittheilungen des k. und k. Kriegs-Archivs. Dritte Folge. I. Bd. 6