Mittheilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 1. (Dritte Folge, 1902)
Hauptmann von Hoen: Der Strassenkampf in Paris am 28. und 29. Juli 1830
98 H o e n. von Sévres bis Puteaux, beliess die schwere Cavallerie in Versailles, wo die Bevölkerung seit jeher gegen die Bourbons war, und erzielte dadurch, dass diese drei Regimenter unter ihrem General Bordesoulle zum Aufstande über- giengen und sich der provisorischen Regierung in Paris unterstellten. Er unterliess die zur Sicherung der Cantonierung nöthige Besetzung von Neuilly, oder wenigstens das Abbrechen der dortigen Brücke, er sorgte nur mangelhaft für den Unterhalt der Truppen und verstand es nicht, ihren Geist zu heben. Bezeichnend war sein Verhalten bei der Besichtigung der aus Paris zurückgegangenen Regimenter. Diese braven Soldaten hatten unter fortwährenden Entbehrungen durch zwei Tage für die Sache seines Hauses gekämpft, grosse Verluste erlitten, ihre Gesichter waren von Rauch und Staub geschwärzt, die Uniformen zerrissen, viele waren verwundet; bei allen sprach sich das niederdrückende Gefühl und der Zorn über eine unverdiente Niederlage aus. Der Dauphin fand aber angesichts dieser Soldaten keine zum Herzen gehenden Worte. Er fragte unter anderem den Commandanten des- 6. Garde-Infanterie-Regiments, wie viel Mann ihm geblieben wären. Dieser tapfere Ofiicier, welchen seine Soldaten durch einen heldenmüthigen Angriff den Händen des Volkes entrissen hatten, fand einen Augenblick keine Antwort, Tkränen traten ihm in die Augen. Endlich gab er die Zahl (zwischen 5 und 600 von 800 seiner zwei Bataillone) an, und der Prinz begnügte sich zu erwidern: „Das ist noch genügend günstig für so etwas1)!” Carl X. hatte am 29. ein neues Ministerium Mortemart gebildet und die Ordonnanzen widerrufen; es war zu spät. Endlich entschloss er sich dazu, sammt dem Dauphin zu Gunsten des minderjährigen Herzogs von Bordeaux abzudanken, schon aber hatten die leitenden Kreise in Paris das Haupt der jüngeren Linie, den Prinzen Ludwig *) *) Vitrolles, III. Bd., 105.