Mittheilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 9. (Neue Folge, 1895)
Oberlieutenant Andreas Kienast: König Friedrich II. von Preussen und die Ungarn bis zum Hubertsburger Frieden 1762 - Friedrich II. Orientpolitik und Ungarn
314 K i e n a s t. Die Bergstadt Nagybanya im Szatmárer Comitate bat infolge dieser Meldung mit Berufung auf die Greuel des Tataren-Einfalls von 1717 um Wehrhaftmachung des Landes gegen den schrecklichen Feind und bereitete sich selbst auf denselben vor. Eine Cabinetsordre der Kaiserin vom 18. November 1762 ordnete neuerlich die Ausgabe von Gewehren an die Bewohner der ostungarischen Bergstädte und die Absendung eines Ingenieur-Officiers nach Nagybanya an. Zugleich erhielt General Buccow den Auftrag, den Namen des preussischen Generals aus Siebenbürgen zu erforschen und ob derselbe etwa in seinem Vaterlande einen Anhang habe; weiters sollte er die angeblich wöchentlich über Horodenka gehenden preussischen Geldtransporte durch eine Frei- parthei aufheben lassen.1) Bevor über diese Verhältnisse eine neue Nachricht einlief und bevor die Türkei wieder zu einer bündnissfreundlichen Haltung Preussen gegenüber bewogen werden konnte, war am 15. Februar 1763 der Friede von Hubertsburg geschlossen und damit dem fast siebenjährigen Ringen der beiden deutschen Vormächte ein Ende gemacht worden. Preussens Beziehungen zu Ungarn sind hier für einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten untersucht worden, in welchen sich die Rivalität des neuen Königthums mit Oesterreichs Herrscherhaus in weltbewegenden diplomatischen und militärischen Kämpfen kund- that. Die Rivalität und daher die Kämpfe haben, wenn auch nicht immer mit gleicher Heftigkeit, fortgedauert und sind erst in unseren Tagen zum Abschlüsse gelangt. Es bedarf keines Beweises, dass daher auch die preussisch-ungarischen Beziehungen während der ganzen Zeit in einem dem Hause Habsburg-Lothringen sehr nachtheiligen Sinne fortbestanden. Der Höhepunct derselben fiel in die letzten Jahre des Kaisers Joseph II. Auch diesmal, trotz der Erlassung des Toleranz-Patentes, sind es Protestanten, welche mit Preussen unterhandeln; aber es sind jetzt nur politische Motive, welche den Unterhandlungen zu Grunde liegen: das Verlangen nach dem alten Wahlrecht, geweckt durch die Sorge um die von 1) K. A., H. K. R -Aet 1762, November, 621. Ueber den Tataren-Einfall 1717 in Ungarn siebe „Feldzüge des Prinzen Engen“, XVII, 228 fl. (AVien 1891).