Mittheilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 8. (Neue Folge, 1894)

Oberlieutenant Criste: Der Beitritt Oesterreichs zur Coalition im Jahre 1813

230 Criste. Er war der Ansicht, dass jetzt, nachdem Russland „gedrängt von den andern Mächten“ die „himmlische Mission“ glänzend erfüllt und allein der Herrschaft Napoleons einen tödtliclien Schlag ver­setzt, die Zeit gekommen sei, einen möglichst günstigen Frieden zu schliessen, die übrigen Mächte aber ihrem Schicksale zu über­lassen. *) Derselben Ansicht neigte sich der greise Fürst Kutusow zu, der in langsamen Märschen an die Grenze rückte und in Wilna, gegen den Befehl des Kaisers Alexander stehen hlieh. 2) Dieser aber wies die Vorschläge Rumanzow’s zurück und folgte jenen des Freiherrn von Stein, der während seiner Anwesenheit in Russland grossen Einfluss auf den Czaren erlangt hatte und jenen des Grafen Nesselrode, eines jungen Staats-Secretärs, der seit 1812 eine gewichtige Stimme im Rathe der Krone besass. Russland, meinte dieser, bedürfe eines soliden und dauerhaften Friedens; um diesen zu erreichen, sei es aber unumgänglich noth- wendig, Frankreich wieder in seine ehemaligen Grenzen zwischen Rhein, Alpen, Pyrenäen und Schelde zurückzudrängen. Es unter­liege jedoch keinem Zweifel, dass Russland diese Mission zu erfüllen und den Krieg allein fortzuführen, nicht in der Lage sei; sowohl die Streitkräfte Russlands, als auch der beklagens- werthe Zustand der Finanzen liessen darüber keinen Zweifel auf- kommen. Man müsse daher die Hilfe Oesterreichs und Preussens, dann Subsidien von England zu erreichen suchen. Wenn die erst­genannten Mächte der Allianz nicht beiträten, bleibe Russland nichts Anderes übrig, als mit Frankreich unter bescheidenen Be­dingungen Frieden zu schliessen.8) In diesem Sinne begannen neuerdings die Eröffnungen Russ­lands an die beiden Mächte — vorsichtig und zuvorkommend gegen Oesterreich, energisch gegen Preussen. Der Freiherr von Stein sagte dem Czaren deutlich, dass man den König von Preussen, in seinem eigenen Interesse, nöthigenfalls zwingen müsse, der Allianz beizutreten. In einem Memoire vom 8. Januar 1813 cha­rakterisierte er die Umgebung des Königs, die seiner Ansicht nach, aus Leuten bestehe, die entweder absolute Nullen seien oder ver­0 Martens, Recueil des traités et conventions conclns par la Russie avec les puissances étrangéres. St. Petersburg. 1876. III. Bd. pag. 90 u. f. 2) Bemhardi, Denkwürdigkeiten Toll’s. II. Bd. pag. 390. 3) Martens, Recueil III. Bd. pag. 94—96.

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