Mittheilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 8. (Neue Folge, 1894)

Oberlieutenant Criste: Der Beitritt Oesterreichs zur Coalition im Jahre 1813

216 Criste. schlossen war, dem General York, über die Weichsel zu gehen. *) Es drohte Gefahr, dass die Russen sich eines Theiles von Preussen bemächtigen würden. In dem Vertrage von Abo war ja die Besitz­nahme Preussens bis an die Weichsel als Bedingung aufgestellt und von dem Kronprinzen von Schweden gleichsam als Gegengabe gegen Norwegen bewilligt worden. Der Marchese Paulucci, der schon am 27. December Memel besetzte, hatte die preussisclien Behörden in dieser Stadt von der Pflicht gegen ihren König los­gesprochen und sie angewiesen, fortan nur von Petersburg Befehle anzunehmen. In dem russischen Hauptquartier dachte man daran, Graudenz zu besetzen und Danzig den Franzosen zu entreissen.2) Freiherr von Stein erhielt vom Ozaren dictatorische Vollmacht und hatte die Kriegs- und Geldmittel der Provinz „zur Unter­stützung seiner Unternehmungen gegen die französischen Heere“ in Anspruch zu nehmen. Es entspannen sich denn auch sofort die ärgerlichsten Streitigkeiten zwischen Stein, Paulucci und dem General York, der endlich drohte, er werde Stein sammt seinen Russen mit Waffengewalt vertreiben.3) Dass übrigens Kaiser Alexander seine Pläne ausgeführt hätte, wenn Preussen fortfuhr, sich zu widersetzen, ist zweifellos, da er doch irgend einen Nutzen für die blutigen Opfer des vergangenen Feldzuges haben musste. Er hat sich übrigens darüber in einem Gespräch mit dem dama­ligen preussischen Obersten von Boyen klar und deutlich genug ausgedrückt. In einer Unterredung mit diesem forderte der Czar von Preussen einen vollständigen Systemwechsel. „Ich habe Grund zu glauben,“ sagte er, „dass die Ueberreste der französischen Armee in einer solchen Verfassung in Preussen ankommen werden, dass die Truppen Ihres Königs in Vereinigung mit Ihren Lands­leuten genügend sein würden, dem ganzen Ding ein Ende zu machen; halten die Herren in Berlin das aber für gewagt, so scheint mir der folgende Gang ebenso einfach als gefahrlos. Das Heranrücken der russischen Truppen gibt die natürliche Veran­lassung, durch neue Einziehungen die Besatzungen von Graudenz !) Bernhardi, Denkwürdigkeiten ans dem Leben des kais. russ. Generals von der Infanterie. 2. Fr. Grafen v. Toll. 2. Auflage. Leipzig. 1865. II. Bd. pag. 415. 2) Banke, Denkwürdigkeiten Hardenberg’s. IV. Bd. pag. 357. 3) Droysen, Das Leben des FM. Grafen York v. Wartenburg. Berlin. 1852. II. Bd. S. 80.

Next

/
Thumbnails
Contents