Mittheilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 8. (Neue Folge, 1894)
Oberlieutenant Criste: Der Beitritt Oesterreichs zur Coalition im Jahre 1813
188 Criste. Partei Russlands zu ergreifen: blieb diesem Staate ja gar nichts Anderes übrig als sich zu „erheben.“ Einen Mittelweg gab es einfach nicht! Hält man sich nun diese Thatsache vor Augen und das muss man, will man nicht einseitig urtheilen, so stellt sich diese Erhebung ebenso gewaltig vor, als die Fortsetzung des Krieges durch den Czaren selbstlos und grossmüthig war. Trotzdem wird der Entschluss des russischen Kaisers immer mit Hochachtung erwähnt werden müssen und Anerkennung wird das preussische Volk immer linden — es wird ewig schön bleiben, wenn ein Volk sich lieber im oifenen Kampf zermalmen, als wenn es sich resigniert und widerstandslos knechten lässt. Wenn aber Max Duncker in seinem Buche: „Aus der Zeit Friedrichs des Grossen und Friedrich Wilhelms HI.“ (S. 5t)0) sagt: „Als Napoleon die Kriegserklärung Preussens erhielt, liess er seinem Gesandten in Wien schreiben: Da Oesterreich den Frieden will, muss es rasch handeln. Will Kaiser Alexander nicht unterhandeln, so schlagen wir vor: Preussen wird in drei Theile getheilt. Es hat 5 Millionen Einwohner. Eine Million bleibt ihm, zwei Millionen, d. h. den besten Theil Preussens, Schlesien, erhält Oesterreich, eine Million Sachsen, die letzte Million Westphalen“ und an diese bekannte Thatsache den Ausruf knüpft: „An der gewaltigen Erhebung des preussischen Volkes, an dem festen Zusammenhalten Friedrich Wilhelms und Alexanders scheiterten dieses und ähnliche Projecte, scheiterten Thron und Macht des ersten Napoleon!“ — so mag dieser Ausruf in einem Buch, das zur Erziehung und Erbauung der preussischen Jugend bestimmt ist, sehr schön und vollkommen am Platze sein — wahr ist er ganz gewiss nicht! Denn die ganze gewaltige Erhebung, das festeste Zusammenhalten der beiden Monarchen hätten Preussen vor der Vernichtung nicht gerettet, Europa von der „Geissei Gottes“ nicht befreit, wenn Oesterreich, das in seinen furchtbaren Kämpfen gegen den genialen Eroberer wiederholt von seinen Verbündeten im Stich gelassene Oesterreich, nicht abermals in die Schranken getreten wäre! Nicht aus „Grossmuth“ — gewiss nicht. Das hat ja nicht einmal — Metternich behauptet; sondern aus kühlem, politischem Calcül. Das ändert aber an der Thatsache denn doch nichts. Derartige Phrasen aber, wie die Duncker’s, bilden den Grundton einer jeden Darstellung der Befreiungskriege von dieser Seite. Sie nehmen sich freilich sonderbar genug aus, wenn man sie mit den Hilferufen vergleicht, die man nach Oesterreich damals sandte, als der Furchtbare die Faust erhob, um Preussen mit einem einzigen Schlag zu zerschmettern, wenn nicht Oesterreich ihm in den Arm gefallen wäre; wenn man sie vergleicht mit der tliatsäclilichen, nicht nur befürchteten Muthlosigkeit und Niedergeschlagenheit des preussischen Volkes, als es nach den vielversprechenden Märzaufrufen, von den Niederlagen der Verbündeten bei Lützen und Bautzen hörte. Die österreichische Diplomatie mag finassiert haben — das ist Ansichtssache; Kaiser Franz I. und Metternich mögen gefürchtet haben, das ganze Volk „mit Stöcken und Dreschflegeln zu bewaffnen“, damit hätte man gewiss einen Napoleon Bonaparte nicht „vernichtet“: die österreichische Heeresleitung mag manchmal geirrt haben — das wäre Sache einer objectiven Untersuchung nicht