Mittheilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 6. (Neue Folge, 1892)
Hauptmann Hausenblas: Oesterreich im Kriege gegen die französische Revolution 1792 (Fortsetzung im VII. Bande)
32 Hausenblas. Allgemein erwartete man von Luckner1) eine baldige Offensive. Allein der Marschall, damals schon ein 70jähriger Greis, von Natur aus mit sehr mittelmässigen Fähigkeiten begabt, unentschlossen und durch die Einflüsse des Alters der nöthigen Energie beraubt, war nicht der Mann, um die gelockerte Disciplin wiederherzustellen und selbe zu Erfolgen zu führen. Die bedenklichen Anzeichen in der Armee mehrten sich sogar. Dass das Heer nur noch für die Revolution und im Dienste der Conventsmachthaber im Felde stand, war Niemandem mehr ein Zweifel. Dennoch war die anerzogene Treue für das Königshaus bei vielen Truppen noch nicht so ganz verschwunden, wie die Revolutionäre glaubten, noch sehr häufig erhob sich aus den Reihen der Soldaten neben dem Rufe: „Vive la Nation“, auch das alte „Vive le Roi“ und zwischen Linien-Truppen und Nationalgarde kam es fast täglich zu Reibungen, so dass im französischen Hauptquartiere nie volle Sicherheit herrschte, ob nicht plötzlich die royalistischen Heerestheile die Fahnen der Revolution verlassen würden. Die Sorge vor einem Uebertritt dieser Truppen schien in der That wohlbegründet, da Luckner erfuhr, dass bereits vom französischen Husaren-Regimente Berchiny am 8. Mai sämmtliche Ober-, viele Unterofficiere und ein Tlieil der Mannschaft, das Cavallerie-Regiment Royal-Allemand mit 600 Pferden am 10. und später auch noch das Regiment Saxe-Husaren zu den französischen Prinzen im Luxemburg’sehen übergegangen seien. Luckner erklärte dem Kriegsminister, er könne, nachdem er sich vom Zustande der Armee überzeugt habe, an eine Offensive nicht eher denken, bevor beide Armeen auf die Stärke von je 40.000 Mann im Felde verwendbarer Truppen gebracht worden, die Yorräthe an Munition ergänzt und die Lebensmittel gesichert seien.2) Nach wie vor blieben daher die französischen Truppen längs der ganzen Grenze zerstreut, nur wurden sie aus ihren Cantonnements zumeist in mehrere kleinere Lager verlegt, eine Massregel, die ebenso überflüssig, als nachtheilig war. !) Siehe Mittheilungen des k. und k. Kriegs-Archivs. Neue Folge, IV. Bd. pag. 84. *) Tableau historique, II, 4ö.