Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1886)

Über den Gebirsgskrieg (Aus den "Mémoires" des k. k. Kriegs-Archivs) Geschrieben im Jahre 1800 von Generalstabs-Hauptmann (späteren General-Major) Johann Mayer Edler von Heldensfeld

82 Über den Gebirgskrieg. Vorschriften über das Tirailliren mit Rücksicht auf Truppenzahl, auf das Terrain und auf die Angriffsart hinausgibt und sie mit vielerlei Arten bekannt macht, wie der Feind zu überlisten, aus der Fassung zu bringen und wie ihm eine empfindliche Schlappe anzuhängen wäre. Ich sage, alle diese militärischen Massnahmen sind im Gebirgs- kriege noch nicht hinreichend, sondern es kommt hauptsächlich noch darauf an, dass man die Officiere und Unterofficiere über sämmtliche sich ergehenden Fälle und Ereignisse in einem übersichtlichen Zu­sammenhänge selbständig denken lehre. Dann werden sie die verschiedenen Verhältnisse, die Vor- und Nachtheile gegeneinander abwiegen, sofort die erforderlichen Hilfsmittel anwenden, auch augen­blicklich Detail-Dispositionen für die ihnen zugewiesene Strecke ent­werfen und diese, in Verbindung mit den rechts und links von ihnen aufgestellten Ti-uppen, in Vollzug zu bringen wissen. Bei einer solchen Übersicht werden die einzelnen Posten- und Strecken-Commandanten stets im Stande sein, zu unterscheiden, welcher Punkt wichtig, wo daher die Reserve aufzustellen und wohin das Hauptaugenmerk zu richten ist. Sie werden erkennen, welcher Punkt auf das Hartnäckigste zu vertheidigen, ja welcher erforderlichen Falles bis zur Aufopferung des letzten Mannes zu halten ist. Durch solches heldenmüthiges Benehmen einsichtsvoller Führer wird der in Gebirgs­gegenden so häufigen Gefangennehmung grosser und tapferer Truppen­körper vorgebeugt. Traurig, ja empörend ist es jedoch zu sehen, wenn der Com­mandant eines so wichtigen Postens sich, ohne den nöthigen Wider­stand geleistet zu haben, zurückzieht, der Gefangennehmung freilich entgeht, dafür aber andere grössere Truppentheile dem Feinde Preis gibt und schliesslich noch durch seine Schwatzhaftigkeit, durch seine Bravaden Auszeichnungen und Verdienste erworben zu haben, sich schmeicheln darf. Um die Kenntniss des Zusammenhanges der Ereignisse, diesen militärischen Gesammtüberblick den Untergebenen beizubringen, ist es zweckentsprechend, wenn sich der Feldherr bei seinen wiederholten Recognoscirungen mit den Officieren hierüber in ein Gespräch einlässt. Bei rastloser Thätigkeit, bei wiederholter Untersuchung mili­tärisch wichtiger Partien im Gebirge wird der Officier Gelegenheit finden, über sein Metier nachzudenken und die Nothwendigkeit ermessen, auch seine Mannschaft öfter durch eine ihr angemessene Schilderung der Verhältnisse jene Begriffe und Massnahmen zu lehren, die im Gebirgskriege äusserst nothwendig sind. Durch die Aneignung dieser besprochenen allgemeinen Übersicht im Gebirgskriege wird eine Armee vorbereitet und, da die Übersicht aller einzelnen Gebirgstheile nicht jedem Einzelnen möglich ist, wird ferner der Vortheil erreicht, dass nicht nur jeder Subaltern-Officier,

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