Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1886)

Über den Gebirsgskrieg (Aus den "Mémoires" des k. k. Kriegs-Archivs) Geschrieben im Jahre 1800 von Generalstabs-Hauptmann (späteren General-Major) Johann Mayer Edler von Heldensfeld

" ­Vendée, Siebenbürgen und andere Länder hinreichend bewiesen und — meine Erfahrung und Menschenkenntniss zu Hilfe nehmend — wage ich zu behaupten, dass unter allen Nationen die Gebirgsbe­wohner diejenigen sind, welche am meisten zu Aufruhr und Aufständen sich hinneigen. Männer, die wie ich, viele Gebirgsgegenden durch­reisten und sich durch ihr leutseliges Benehmen den offenen Zuspruch der Einwohner erwarben, werden gefunden haben, dass die Gebirgs­bewohner eine ausserordentliche Vorliebe für ihr Vaterland und für ihre Rechtsame haben, und dass kein Volk Veränderungen in seiner Verfassung mehr hasst, als jenes im Gebirge. Mit seiner elenden Holzhütte zufrieden, durchlebt der Gebirgs­bewohner Tage und Jahre ruhig in der grössten Einfalt mit seiner Familie; Viehzucht und Holzarbeiten sind seine gewöhnlichen und Lieblingsbeschäftigungen. Er erfüllt nach dem Herkommen seiner Voreltern gelassen und unbekümmert die Pflichten eines getreuen Unterthans; ein sonntäglicher Gottesdienst und ein Schoppen Wein in seinem Pfarrdorfe im Kreise seiner Freunde, vergisst er, jauchzend in den Armen des Weibes oder der Dirne, alle Beschwerlichkeiten seines Lebens; ein Schlaf und er geht unverdrossen wieder seiner Alltags­beschäftigung nach. Wird er aber auf was immer für eine Art gekränkt, oder läuft er Gefahr, seine verjährte und verbriefte Rechtsame zu verlieren, so muss man staunen über die Umwandlung, über den Charakter dieses nämlichen Älplers. Wie toll, wie aufbrausend, wie rachsüchtig wird nicht sein ganzes Benehmen! Wie viel rascher, als in ebenen Landen schaaren sich dann nicht die unzufriedenen Gebirgs­bewohner zusammen und stellen drohend und mit Umgestüm ihre F orderungen! Dieser Charakter liegt in der Natur des Menschen und die Beschaffenheit des Landes befestigt ihn. Stolz auf seine Felsenmassen und Gebirgsketten, fühlt der Gebirgsbewohner seine physischen Kräfte verdoppelt und berechnet spottend die seiner Gegner. Er sieht, dass der Feind seine gefährlichen und furchtbaren Waffen gegen ihn wenig oder gar nicht gebrauchen kann und vertraut immer mehr auf seine treue Büchse. Mit der Lage und der Gegend vollkommen bekannt, überblickt er sofort sowohl seine eigenen Vor- und Nachtheile, als auch die des Gegners, er macht Entwürfe und Pläne gleich, ja besser, als mancher Krieger und Taktiker und ist bei der Ausführung der­selben um so weniger besorgt, als er sich in jedem Unglücksfalle zu helfen und durch das Terrain begünstigt, der Rache und der Ver­folgung des Feindes leicht zu entziehen weiss. Auf diese Weise wurden von kleinen, einfältigen und unerfahrenen Nationen Gebirgskriege gegen grosse Armeen unter Anführung der erfahrensten und gelehrtesten Kriegsmänner grösstentheils zum Vor­theile dieser Nationen geführt.

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