Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1886)

Über den Gebirsgskrieg (Aus den "Mémoires" des k. k. Kriegs-Archivs) Geschrieben im Jahre 1800 von Generalstabs-Hauptmann (späteren General-Major) Johann Mayer Edler von Heldensfeld

76 Über den Gebirgskrieg. das Eingehendste zu sprechen, dass diese Raisonnements dem jungen Officier zu abgeschmackt, dem erfahreneren Krieger wenigstens zu weitläufig erschienen und sich beide mit den Vorschriften des Regle­ments begnügten. Pedantischen Truppenführern mögen diese datail- lirten Auseinandersetzungen wohl beliagt haben, und sie wiegten sich für einen ausbrechenden Feldzug schon im Voraus mit dem Gedanken in Ruhe, im Bedarfsfälle schon Männer an ihrer Seite zu finden, welche zu ihrer Sicherheit und Befriedigung all’ diese weitläufigen Raisonnements benützen und das Weitere verfügen werden. Andere hingegen setzten diese weitschweifigen Raisonnements über Gebirge und Posten als bekannt voraus und erachteten selbe weit unter der Nothwendigkeit ihrer Studien. Zudem lag der Gebirgskrieg in seiner damaligen Eigenschaft nicht in der Taktik des siebenjährigen Krieges; es gab damals im Kriege noch mancherlei Unmöglichkeiten. Gebirgsketten, über welche jetzt Colonnen von Menschen und Pferden anstandlos marschiren, waren unersteigbare Stützpunkte von Armeen; steile Felsenmassen betrachtete man als unübersclireitbar und man glaubte, dass nur ein Waghals wie Alexander mit seinen 300 aus­erlesenen Jünglingen selbe erklettern und nur ein Schwachkopf wie Arimazes Sogdianus *) sie besetzen könne. Solcher AVahn, solche tak­tische Grundsätze hatten die Folge, dass in einem Feldzuge Tausende braver Soldaten durch eine unbedeutende Anzahl Feinde, ja dass ganze Armeen umgangen und gefangen wurden. Dadurch gerieth der Staat in die äusserste Verlegenheit und die Armee zog sich einen Schand­fleck zu, der nur durch ausserordentliche Tliaten ausgelöscht werden konnte. Allem diesem wäre vorgebeugt worden, wenn die Truppenführer nicht in ihren veralteten Grundsätzen verharrt, wenn sie mit dem Zeitlaufe fortgeschritten wären und Erfahrung und Menschenkenntniss zu Hilfe genommen hätten. A\rerfen wir einen Blick auf den Anfang des gegenwärtigen Krieges, auf den Ausbruch der französischen Revolution und wir werden uns des Trostes so manchen Feldherrn und Kriegers erinnern, welchen er beim Anblicke so vieler emigrirten französischen Generale und Officiere sich selbst gab: ') Arimazes oder Ariomazes, sogdianischer Fürst zur Zeit Alexanders des Grossen. Er zog sicli vor diesem mit 30.000 Mann auf eine starke, reichlich mit Lebensmitteln versehene Felsenveste zurück und erwiderte die Aufforderung, sich zu ergeben, mit Trotz und Spott. Unbemerkt erkletterten hierauf 300 Macedonier den Berg an der steilsten Seite; erschreckt flehte Arimazes jetzt um Gnade; Alexander, kleinlicher, unedler Rachsucht folgend, liess ihn mit seinen Verwandten und Vor­nehmsten seines Volkes an’s Kreuz schlagen. Nach Arrian (IV. 19) befanden sich unter denen, die mit der Burg in macedonische Gewalt fielen, auch der baktrisclie Häuptling Oxiartes und seine schöne Tochter Roxane, die nachherige Gemahlin Alexanders. (Meyer’s Conversations-Lexikon.)

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