Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1886)

Kriegs-Chronik Österreich-Ungarns. II. Theil. Der südwestliche Kriegsschauplatz im Donauthale und den österreichischen Alpenländern. (Mit eigener Paginirung)

26 Die Belagerung von Wien 1683 Petronell. terie mit der Artillerie unter Befehl des FZM. Graf Leslie auf der Schütt zurückzulassen, mit der Cavallerie aber hinter die Leitha zu weichen, um Niederösterreich gegen die streifenden Tatarenhorden zu schützen. Leslie wurde angewiesen, falls das türkische Heer sich gegen Wien wenden sollte, in Eilmärschen dahin aufzubrechen, zu diesem Ende das Gepäck vorauszusenden, die schwere Artillerie aber zurück­zulassen. Noch am selben Tage (1. Juli) brach der Herzog mit der Reiterei auf. Am 7. griffen starke Tatarenhaufen Lothringen hei Petronell an, erlitten jedoch grosse Verluste und wurden geworfen. Die Nachrichten über den Anmarsch des türkischen Heeres hatten in allen Kreisen der Bevölkerung Wiens eine grosse Aufregung hervorgerufen. 60.000 Menschen verhessen die Stadt und verbreiteten selbst in den entlegensten Gegenden Besorgniss und Bestürzung. Die Lage der Hauptstadt war allerdings eine bedenkliche. Die Festungs­werke — 12 bastionirte Fronten, denen ein gedeckter Weg und Rave­lins Vorlagen, — befanden sich in einem defecten Zustande und die Vertheidigungs-Vorkehrungen waren, obwohl seit geraumer Zeit be­trieben, noch immer ungenügend und unvollständig. Auf den Wällen waren keine Geschütze aufgeführt, ja nicht einmal noch die Bettungen vorhanden und der bedeckte Weg entbehrte der Palissaden. Die ganze Besatzung bestand ausser der Stadtguardia (Polizei) nur aus fünf Compagnien. Bald erholte man sich jedoch von der ersten Betäubung. Der Anblick der stattlichen kaiserlichen Reiter-Regimenter, welche am 8. Juli durch die Stadt in die Taborau defilirten, hob den gesunkenen Muth der Bevölkerung wieder. Am 7. Juli verhess Kaiser Leopold auf das Drängen seiner Umgebung Wien und begab sich vorläufig nach Linz. Das Schicksal seiner Hauptstadt legte er in die bewährten Hände des GFZM. Grafen Ernst Rüdiger von Starhemberg und in jene des GFZM. Grafen Kaplir, der als Stellvertreter des Hofkriegsraths - Präsidenten in Wien zurückgeblieben war, und in der neu eingesetzten Regie­rungsbehörde, dem Deputirten - Collegium, den Vorsitz führte. Dem Ersteren standen zur Seite: Oberst Börner als Chef der Artillerie, derselbe, von dem 20 Jahre später der grosse Eugen schrieb, er habe die österreichische Artillerie zur besten der Welt gemacht, dann als Genie-Chef der berühmte Rimpier, der erste Kriegsbaumeister seiner Zeit. An der Spitze der Bevölkerung standen: der treffliche Bürgermeister Andreas von Liebenberg, der Baron Kielmannsegg und der Neustädter Bischof Graf Leopold Kollonits. Liebenberg organisirte 22 Miliz-Compagnien, Kielmannsegg improvisirte ein bürgerliches Mineur- Corps und Bischof Kollonits, der ehemalige tapfere Malteserritter, machte sich einen unsterblichen Namen durch den unermüdlichen Eifer,

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