Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1886)
Kriegs-Chronik Österreich-Ungarns. II. Theil. Der südwestliche Kriegsschauplatz im Donauthale und den österreichischen Alpenländern. (Mit eigener Paginirung)
Feldzug 1619. 13 sich der Hoffnung hin, dass Buquoy den Mannsfeld schlagen und gegen Prag Vordringen werde. Ein solches Ereigniss musste sicherlich Thurn’s Abzug von Wien zur Folge haben und bis zu diesem erwarteten Zeitpunkte konnte sich Wien halten. Der äussere Feind wurde noch durch denjenigen im Inneren unterstützt. Die österreichischen protestantischen Stände wollten die Bedrängniss Ferdinand’s benützen, um ihm Zugeständnisse abzu- nöthigen. Am 5. Juni (26. Mai), als eben 16 protestantische Edelleute in der Burg den Kaiser hart bedrängten und sogar die der Person des Herrschers schuldige Ehrfurcht frech ausseracht Hessen, sprengten rechtzeitig 400 Kürassiere in den Burghof und befreiten Ferdinand aus seiner peinlichen Lage. Die Stände flüchteten zu den Böhmen, die innere Gefahr war beseitigt. Diese Kürassiere, einem eben in der Errichtung begriffenen Regimente *), über welches später Dampierre als Oberst das Commando erhielt, entnommen, waren Tags zuvor von Krems aufgebrochen, und langten am 5. gegen 11 Uhr Vormittags in Wien an, wo sich der Arsenal-Hauptmann Gilbert von St. Hilaire an ihre Spitze stellte und sie von dem damals bestandenen Fischerthore in die Burg führte. Den Kürassieren folgte übrigens bald einiges Fussvolk nach; die Studenten und 1600 Bürger bewaffneten sich für ihren Landesherrn, und es konnte mit Zuversicht auf einen erfolgreichen Widerstand gegen das böhmische Blokadeheer gerechnet werden. Ferdinand II. beschränkte sich gleichwohl nur auf die Verthei- digung der inneren Stadt, in welcher er seine Streitkräfte concentrirte. Nur das Rothenthurmthor blieb offen, um die Verbindung mit dem Lande zu erhalten und Lebensmittel einzuführen. Zu dem gleichen Zwecke wurde der Prater von den Kaiserlichen besetzt. Die Anstrengungen zur Verstärkung der Garnison wurden auf das Eifrigste betrieben, so dass Wien bald eine Besatzung von 6000 Mann besass. Da die ganze Streitmacht der Böhmen vor Wien nicht mehr als 8000 Mann betrug, konnte Thurn nicht daran denken, die Stadt durch Einschliessung, Aushungerung oder durch offene Gewalt zur Übergabe zu zwingen, umsoweniger, als ihm jegliches Belagerungsgeschütz mangelte. Als auch die Hoffnung fehlschlug, durch einen Verrath der protestantischen Stände in den Besitz von Wien zu gelangen, und Thurn von dem Prager Directorium, das in Folge der totalen Niederlage Mannsfeld’s bei Zablat 10. Juni’) (31. Mai) für Prag zittern *) Jetzt Dragoner-Regiment Nr. 8. 2) Vergl. Kriegs-Clironik I. Tlieil, Seite 12.