Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1886)

Die Eroberung von Ofen und der Feldzug gegen die Türken in Ungarn im Jahre 1686. (Mit eigener Paginirung)

96 Die Eroberung von Ofen und der Feldzug gegen die Türken in Ungarn im Jahre 168ß. Kraftvergeudung der Belagerer zu erklären, wie schon Zeitgenossen gethan haben, hiesse aber die Situation verkennen. Ohne diesen An­griff wäre die Einnahme von Ofen ein problematischer Erfolg gehliehen, an welchen sich erst die voraussichtlich langwierige Belagerung und Eroberung der festen Citadelle von der Stadtseite aus hätte knüpfen müssen. Dagegen steht wieder ausser Zweifel, dass die Attaké im Süden zuletzt in Stagnation gerieth und dass auch' am Tage der Er­oberung der Sturm des Churfürsten ohne Erfolg geblieben wäre, wenn nicht die Kaiserlichen ihren Verbündeten Luft gemacht hätten. Einige, besonders für den Militär interessante Fragen konnten aus dem vorliegenden Actenmateriale noch nicht gelöst werden. Franz Wagner’s ') Angabe, dass während der Kämpfe um Ofen das Bajonnett von den Verbündeten mit Vorliebe benützt worden sei, findet nirgends Bestätigung und die Dispositionen, welche der Herzog von Lothringen für den Generalsturm am 2. September ertheilte, sind nicht geeignet, diese Behauptung zu unterstützen. Wenn auch die ausser Zweifel stehende Thatsache, dass der Generalissimus an 200 Musketiere, die sich an dem genannten Tage freiwillig zum Sturme gemeldet hatten, einen „Trunk Wein“ verabreichen liess, zu Wagner’s Gunsten spricht, dürften doch erst Belgrad, Slankamen und Zenta, vor allen aber die blutigen Entscheidungen des spanischen Suc- cessions-Krieges, dem „fränkischen Flintenspiess“ die Popularität unter den kaiserlichen und deutschen Truppen gesichert haben. Ebenso wenig kann aus den zugänglich gewesenen Acten ein Anhaltspunkt für die Beurtheilung des Antheils gewonnen werden, den David Petneházy an der Belagerung und Einnahme von Ofen genommen hat. Selbstverständlich kann also auch kein Beweis dafür erbracht werden, dass dieser tapfere Mann als Erster in die Festung eingedrungen, und zwar um so weniger, als in vier gleichzeitigen Angriffen mindestens vier Personen auf diese Ehre Anspruch erheben durften, wenn auch davon abgesehen wird, dass nach dem Durchstossen der kaiserlichen Flügel-Colonnen die Soldaten sich an verschiedenen Stellen einen Eingang zu ver­schaffen wussten und in Schaaren über die Mauern kletterten. — Es erscheint urkundlich bestätigt, dass Johannes Fiáth2) auf der Seite Lothringen’s, und Martin Günther von Pechmann auf Seite der Bayern zuerst in die Stadt gelangten, weshalb aber durchaus nicht in Zweifel gezogen werden darf, dass nicht noch viele andere als Erste und Vorderste in die Festung, ja sogar bis an das Schloss vorgestürmt haben mochten. Petneházy’s ungestüme Tapferkeit gibt volle Bürg­') História Leopoldi M. Rom. Imper. — Augsburg 1719, 1731 bis 1732. 2) Fiáth wurde in Folge seines tapferen Verhaltens wenige Zeit später zum „Vice-Capitän“ in IComorn ernannt.

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