Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1885)
Der Feldzug gegen die Türken im Jahre 1685
200 Der Feldzug gegen die Türken im Jahre 1685. Allianz mit Venedig einen entgegengesetzten, fast innigen Charakter. Die alte Republik, in welcher sich der kriegerische Sinn früherer Jahrhunderte zu erneuern schien, hatte mit Waffen und Geld Erfolge errungen und konnte vom nächsten Feldzuge noch grössere erwarten. Die im Jahre 1684 erkämpften Erfolge der Venezianer im Osten der Adria, brachten die österreichische Heeresleitung zu dem Entschlüsse, mit dem General Pietro Valiero in Türkisch-Croatien in Cooperation zu treten, weshalb Graf Herberstein, der General von Carlstadt, die Ermächtigung erhielt, den genannten venezianischen Heerführer „an denen meer granizen, doch ohne Impiego zu secundiren, deme 400 bis 500 Mann vom Heisterischen Regiment auf Begehren sollten zu- gethan werden“ *). Die Türkei war in einen Zustand der Erschöpfung und Ent- muthigung versunken, der ihr eine Fortsetzung des Kampfes gegen die drei verbündeten Mächte nahezu als Unmöglichkeit erscheinen liess. Nur mit grosser Anstrengung konnte die Ausrüstung der noth- wendigen Truppen und Schiffe gegen die Alliirten und die von Venedig zur Empörung aufgewiegelten Morlaken, Albanesen und Mainoten erfolgen. Die Janitscharen mussten durch die Einreihung kaum waffenfähiger Knaben completirt werden; Matrosen und Schiffsgeschütze wurden gar nicht mehr in der erforderlichen Zahl aufgebracht und als der Pascha von Babylon mit 5000 Soldaten in Constantinopel angelangt war, ohne den versprochenen Sold in der Hauptstadt sogleich bezahlen zu können, liefen seine Leute auseinander2). Diese desolaten Verhältnisse bewogen den Grossvezier Kara Ibrahim, dem Kaiser durch den Fürsten Apafi Friedensanträge stellen zu lassen, welche der Pascha von Ofen dadurch zu unterstützen hoffte, dass er einzelnen Ministern bis zu 60.000 Dúcaién versprach, wenn ihnen die Annahme der Vorschläge durchzusetzen gelänge 3). Gleichzeitig bemühte sich die Türkei durch wiederholte Gesandtschaften und andere Mittel ein gutes Einvernehmen mit Russland und Persien zu erhalten. — Kaiser Leopold I. lehnte die Anerbietungen des Grossveziers mit der Erklärung ab, dass er nur in Übereinstimmung mit seinen Alliirten Frieden schliessen könne und wolle. Nicht lange nach dem Scheitern dieser Verhandlungen erhob Kara Ibrahim den Ibrahim Scheitan, bekannt durch seine tapfere Vertheidigung der Festung Ofen im Jahre 1684, zu der Würde eines Seraskiers für Ungarn. Abdurrahman Pascha (genannt Avdi), der sich im Kampfe gegen die Polen ausgezeichnet hatte, wurde gleichzeitig zum Vezir-Pascha von Ofen ernannt. ') Registratur des Reichs-Kriegsministeriums. 2) Bericht des Agenten Giorgio Cleronome aus Constantinopel vom 15. Mai 1685. Staats-Archiv. 3) Bericht des Markgrafen Hermann von Baden vom 19. Januar 1685. Citirt bei Röder, 1. Band, 126.