Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1884)

Major Edlen von Angeli: 1812. Die Theilnahme des k. k. österreichischen Auxiliar-Corps unter Commando des G. d. C. (später Feldmarschalls) Fürsten Carl zu Schwareznberg im Feldzuge Napoleon I. gegen Russland

von Galizien aus mit sich zu führen. Der That nach war jedoch hierunter nichts Anderes zu verstehen, als dass die k. k. Truppen, gleich den französischen, ihre Bedürfnisse nach dem Requisitions- Systeme aufzubringen hatten und der zwanzigtägige Vorrath für jene Fälle reservirt hleihen sollte, wo die Armuth des Landes jede Requisition von seihst ausschloss. Dieser letztere Fall war von Napoleon für den Moment des Überganges auf das rechte Bug-Ufer vorausgesehen und dem Auxiliar-Corps wiederholt aufgetragen worden, die Proviant-Reserve nicht früher anzugreifen. Vom theoretischen Stand­punkte aus allerdings richtig projectirt, erwiesen sich jedoch diese Vorkehrungen der Praxis gegenüber als nicht ausreichend. Hinsichtlich des praktischen Werthes dieser Proviant-Reserve genüge die charakte­ristische Äusserung Welden’s: „Dieser mittelst Landesfuhren mit­geführte zwanzigtägige Vorrath an Lebensmitteln gewährte, wie bei der „grossen Armee“, so auch hier, nicht nur gar keinen Nutzen, sondern wurde eine wahre Landplage. Das kleine Vieh und die schlechten AVege machten, dass diese Wagen-Colonnen dem Marsche der Truppen gar nicht folgen konnten und nach und nach zurück­blieben, sich zerstreuten, oder die Last ihrer AVagen selbst verzehrten, die Bauern mit dem Vieh davon ritten und auf dem Heimwege allerlei Unfug trieben. Ein grosser Theil des Zugviehes ging zu Grunde und die Truppen genossen von Allem beinahe nichts.“ Aber auch die Requisitionen bereiteten in Polen und Volhynien solche Schwierigkeiten, dass die Erfahrungen, welche bezüglich dieses Verpflegs-Modus auf anderen Kriegsschauplätzen gemacht worden waren, hier nur in äusserst beschränkter AVeise verwerthet werden konnten. Im Grossherzogthume hatten die Erpressungen von Jérőme’s westfäli­schen Truppen das Land rücksichtslos ausgesogen, überdies war die Intelligenz der Bevölkerung aus begreiflichen Gründen dem Auxiliar- Corps aufs Äusserste abgeneigt und Hess sich keinen Moment entgehen, wo sie ihren geringen Sympathien gegen Österreich Ausdruck geben konnte. Die k. k. Truppen hatten daher schon auf dem Marsche nach Lublin Mangel an Lebensmitteln, und in Siedlec erklärte der polnische Präfect kurzweg, er sei nicht im Stande, irgend etwas zu liefern; der Fürst möge selbst Alles wegnehmen lassen, wo er etwas fände. Noch schlimmer standen die Verhältnisse, als das Auxiliar-Corps das rechte Ufer des Bug betrat. Hier standen die k. k. Truppen auf feindlichem Boden und mussten vom ersten Schritte an die Folgen des russischen Vertheidigungs-Systemes empfinden. Nicht nur hatten die Einwohner den Befehl erhalten, all’ ihr Vieh in das Innere des Landes zu schaffen, sondern es verhessen auch fast alle Behörden mit den zurückgehenden russischen Truppen ihre Posten, so dass nahezu alle Anhaltspunkte zur Einrichtung einer geregelten Verpflegung fehlten. Unter solchen Verhältnissen war es nicht nur doppelt schwierig, geordnete Zustände herzustellen, sondern

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