Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1884)

Hauptmann Jihn des Generalstabs-Corps: Der Feldzug 1761 in Schlesien und Sachsen

190 Der Feldzug 1761 in Schlesien und Sachsen. Flankenmarsch die unmittelbare Verbindung mit den Österreichern zu gewinnen. Zu diesem Zwecke setzte sich die russische Armee nebst dem Corps Martigni’s, nachdem die Lagerfeuer angezüudet worden waren, um 10 Uhr Abends in aller Stille in Bewegung und rückte in drei Colonnen (1., 2. Treffen und Reserve) nach der Gegend von Hochkirch, woselbst sie bei Tagesanbruch ein Lager zwischen Klein- Tinz und Schlottnig bezog '). Auch der sogenannte schwere Train der Russen war nach dem Abbrechen der Brücken bei Leubus am 18. von dort in Marsch gesetzt worden und langte am 19. Früh bei Liegnitz an. Derselbe zählte 5736 Wagen, und bei diesen befanden sich, einschliesslich der 4500 Mann starken Bedeckung, welcher auch 20 Geschütze beigegeben waren, bei 13.600 Mann (darunter 6700 Mann als Aufsicht). Am Morgen des 19. August umstanden demnach die Truppen der Verbündeten die Stellung des Königs im Halbkreise von Liegnitz bis zum Streit-Berge (nächst des n. Striegau gelegenen Ortes Streit). Ihr Gros trennte nur mehr der Abstand von einer Meile (7'5knl), und damit war ihre Vereinigung vollzogen. In demselben Momente aber, wo der König diese Situation und damit die Unmöglichkeit erkannte, seine Gegner ferner auseinander zu halten, fasste er den Entschluss, sich nach der von Laudon verlassenen Gegend von Kunzendorf und Bögendorf zu wenden. Dadurch hoffte er einerseits die österreichische Armee von ihren Magazinen abzuschneiden und so auch die Russen, welche aus diesen Magazinen verpflegt werden mussten, dazu zu nöthigen, dass sie sich ihren eigenen Vorräthen näherten, das heisst sich von Laudon wieder trennten; anderseits hoffte er von dort aus eventuelle Unternehmungen gegen die Festungen verhindern und so Schlesien behaupten zu können. Schon um 9 Uhr Vormittags setzte sich die preussische Armee in Bewegung, stellte jedoch nach einem Marsche von kaum mehr als l'/t Meilen (lU4km) dieselbe wieder ein und bezog Lager — das Corps des Markgrafen Carl zwischen Pitschen und Bertholdsdorf (Bertelsdorf), dais Corps des Königs zwischen Diesdorf und Beckern. Die Gründe für diese Handlungsweise Friedrich’s, welche mit dem von ihm gefassten Entschlüsse im Widerspruch zu stehen scheint, kennt man nicht aus directer Quelle. Sie sind aber nahe­liegend, sobald man erwägt, dass die speciell unter des Königs Befehl stehenden Truppen nach Kunzendorf in gerader Linie, also hart an der österreichischen Front vorüber, bei 4 Meilen (30'3km) zu marschiren hatten. Diese Bewegung konnte König Friedrich, bei der verbältniss- mässig späten Aufbruchsstunde, nicht auszuführen hoffen, ohne die österreichische Armee zur Seite zu haben, mit welcher er im besten Falle zugleich bei Kunzendorf eintreffen konnte, und dann erst noch *) Operations-Journal Laudon’s, dann Bericht Fine’s vom 24. August. Kriegs- Archiv 1761; Fase. IX, 5, Acten des Hofkriegsrathes.

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