Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1884)
Hauptmann Jihn des Generalstabs-Corps: Der Feldzug 1761 in Schlesien und Sachsen
152 Der Feldzug 1761 in Schlesien und Sachsen. im Bereiche seiner Festungen manövrirend, ihm den Weg nach Breslau verlegen sollte, „keine andere Resolution zu nehmen sei, als den Feind zu attakiren und den gesperrten Weg mit dem Degen in der Faust sich zu eröffnen; wenn aber der Weg nach Breslau frei wäre, sich geradewegs dahin zu wenden und durch ein Bombardement oder durch andere zur Einnahme dieses Ortes zu treffende Dispositionen den Feind zu einer Bataille zu nöthigen“. Auch für den Fall, als Laudon in’s Gebirge gedrängt, die Debouchéen des letzteren von preussischen Truppen besetzt wären, und König Friedrich sich gegen die Russen wenden würde, um sie zum Aufgeben ihrer Absichten und schliesslich zum Abzüge zu bewegen, erwartet die Kaiserin, dass der Marschall den beherzten Entschluss fassen werde, durch einen tapferen und dem Feinde unerwarteten Angriff das den russischen Waffen sehr nachtheilige Vorurtheil zu beheben, dass die kaiserliche Armee den König nicht zu attakiren wage. Schliesslich hatte Buturlin den Auftrag erhalten, mit Laudon das allergenaueste Einverständniss zu pflegen und sowohl in dessen Situation einzugehen, als auch seine eigenen Absichten und Anforderungen dem allgemeinen Besten und der Billigkeit anzupassen. Durch sein Benehmen sollte der Marschall auch für seine Person das Vertrauen der Kaiserin Maria Theresia erwerben und alles thun, was in seinen Kräften stünde, um das von Elisabeth gegebene Wort zur genauesten Ausführung des Operationsplanes zu erfüllen. Wiewohl man im Hauptquartier Laudon’s von dem Inhalte der vorstehenden Instruction erst am 17. oder 18. Juni Kenntniss erhielt, musste Caramelli’s Bericht über das Resultat seiner ersten Unterredung mit Buturlin (29. Mai') doch sehr befremden. Man wusste aus der Note des russischen Hofes vom 21. April2), dass dieser den Operationsplan schon damals an Feldmarschall Buturlin hatte gelangen lassen, damit derselbe „in Zeiten seine Massregeln danach nehmen könne“. Dennoch hatte Letzterer bei der erwähnten Zusammenkunft mit dem österreichischen Bevollmächtigten erklärt, dass ihm von seinem Hofe noch kein Operationsplan zugekommen sei und er vor der Hand die Belagerung von Glogau beabsichtige. Wenn man nun nicht von vornherein mit Laudon übereinstimmen und hienach annehmen will, dass Buturlin, wie die russische Generalität überhaupt, andere Wünsche und Ziele gehabt hätte, als der Hof von St. Petersburg 3), so bleibt nichts übrig, als die Ursache einer solchen Erscheinung in besonderen ') Kriegs-Archiv 1761 ; Fase. V, 104, Acten des Laudon’sclien Corps. 2) Kriegs-Archiv 1761, Fase. V, ad 6, Cabinets-Acten. Der Operationsplan ging nach Esterházy’s Bericht vom 23. April, am 22. desselben Monats an Buturlin ab. Siehe bei Arneth „Maria Theresia und der siebenjährige Krieg“, II. 464, Anmerkung 382. Nach Wien gelangte derselbe bereits am 7. Mai. 3) Schreiben Laudon’s an Daun vom 7. Juni. Kriegs-Archiv 1761; Fase. VI, 23, Acten des Laudon’schen Corps.