Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1883)

Kaiser Josef II. als Staatsmann und Feldherr - J. Nosinich, Oberst im k. k. Kriegs-Archive: Österreichs Politik und Kriege in den Jahren 1763 bis 1790; zugleich Vorgeschichte zu den Kriegen Österreiches gegen die französische Revolution

Politik des Wiener Cabinets zur Zeit des bayerischen Erbfolgekrieges war aber nicht von jener zielbewussten Entschiedenheit, wie in den früheren Kämpfen gegen Preussen, weil Kaiserin Maria Theresia von der Rechtmässigkeit ihrer Ansprüche, trotz der vielen in der Angele­genheit gewechselten Staatsschriften und geführten Rechtsdeductionen, die volle Überzeugung nicht gewinnen konnte. Seit ihrem Regierungs­antritte hatte die hohe Frau die Leiden des Krieges in einem solchen Maasse empfunden, dass sie jedes Blutvergiessen verabscheute und wegen der Verheerung ihrer Länder um so besorgter war, als Friedrich II. durch Ergreifung der Offensive Böhmen mit Krieg überzog und theil- weise auf Kosten dieses Königreiches lebte. Überdies imponirte der Kaiserin das aus den früheren Kämpfen hervorgegangene Prestige der preussischen Waffen; sie hielt ihren an der Spitze des k. k. Heeres als Oberfeldherrn stehenden Sohn im Kriege noch zu wenig erfahren, um einem Heerführer von solchem Rufe, wie Friedrich II. ihn besass. die Wage halten zu können, und muthete ihrem neugeschaffenen Heere bei Ausbruch des Krieges nicht jene Kraft und Leistungsfähigkeit zu. die es später thatsächlich bewiesen, um preussischen Streitmassen auf die Dauer zu widerstehen. Endlich war das Vertrauen Maria Theresia’s zu den Gehilfen und Rathgebern des Kaisers, namentlich zu den Feld- marschällen Freiherrn v. Loudon und Graf Hadik kein besonders starkes und unbeschränktes. Letzterer spielte als Stellvertreter des Herzogs Albrecht von Sachsen-Teschen wohl nur eine Nebenrolle. Da­gegen gab London, welcher selbständig ein Heer befehligte, bei mancher Gelegenheit die Veranlassung, seine durch das Alter und physische Gebrechlichkeit ungünstig beeinflusste geistige Thätigkeit nicht zu hoch anzuschlagen. Wie aus dem Verlaufe der Ereignisse zu ent­nehmen, war es dem Feldmarschall selten gelungen, die Absichten des Feindes zu durchschauen, über dessen Bewegungen rechtzeitig sich zu unterrichten, die gegenseitigen Stärke- und Stellungsverhältnisse richtig zu schätzen und zu übersehen. Der Commandant der k. k. Iser Armee lässt, durch die Meldungen seiner Generale irregeführt, die schwierigen Gebirgspässe Böhmens von der Armee des Prinzen Hein­rich fast ohne Schuss forciren, wobei er einige Tausend Mann verliert, verlässt die wichtige Stellung von Leitmeritz-Niemes ohne Gefecht, erklärt die Positionen hinter der Iser, welche Prinz Heinrich als sehr stark und schwer einnehmbar bezeichnet, für zu schwach, um sich darin behaupten zu können, und trifft aus zu grosser Besorgniss für die Sicherheit seines Heeres wiederholt Vorbereitungen zum Abmarsche hinter die Elbe, die er nur auf mehrmalige dringende Vor­stellungen des Kaisers widerruft. Die Demonstrationen, welche die General-Lieutenants v. Möllendorf und v. Platen mit verhältnissmässig geringer Macht (11 Bataillone, 30 Escadronen) über Melnik unter­nommen, damit die Armee des Prinzen den Rückzug desto unge-

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