Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1882)
Bericht des k. k. General-Majors Graf Bubna, ddo. 11. October 1808 an den Generalissimus Erzherzog Carl über die Zusammenkunft mit dem königl. preussischen Obersten Graf Goetzen in der Ottendorfer Mühle
Festungen zu ziehen, und in Glatz den Haupt-Stützpunkt zu suchen, dies scheint mir eine Operation, die für uns nicht ungünstig wäre. Der Inhalt des Tractats, den der Prinz Wilhelm von Preussen, und der Minister Brockhausen mit dem französischen Minister der auswärtigen Angelegenheiten Champagny zu Paris abgeschlossen haben, und den Seine Majestät der König von Preussen nicht ratificirt hat, ist Euer Kaiserlichen Hoheit bereits bekannt, und sicher von einer Art, dass er in keiner Hinsicht erfüllet werden kann, das Memoire, so ich meinem letzten Berichte gehor- samst beigeschlossen hatte, ist vom Minister, Stain entworfen, und im Staats- Rath vorgetragen worden. Dieser Vertrag kam nach Königsberg in dem Augenblicke, wo eben Seine Majestät der Kaiser von Russland dort war, man trug Höchstdemselben von preussischer Seite vor, dass man 154 oder respective 190 Millionen mit keinem Schein von Recht zu zahlen hat, und aus Mangel des cursirenden Geldes gar nicht zahlen könne, dass die Stärke der Armee, die man auf 42.000 Mann, und 3000 Mann Cavallerie bestimmt, gar nicht hinreichend sei, die innere Sicherheit und Polizei in dem der- maligen Umfange der preussischen Monarchie zu erhalten, und dass die Erhaltung von 12.000 Mann Franzosen, welche Glogau, Cüstrin und Stettin besetzt behalten sollen, für einen verarmten Staat ausserordentlich drückend sei. Der Kaiser soll diese Vorstellungen lebhaft gefühlt, Vermittlung zugesagt, und gewünscht haben, dass man den Minister Graf Goltz nach Erfurth zur Berichtigung dieser Angelegenheiten nachsende. Preussischerseits schmeichelt man sich, dass die Mediation des russischen Kaisers, den in der Frage stehenden Tractat zu Gunsten Preussens modificiren werde, ja man schmeichelt sich sogar, dass der russische Kaiser den Vollzug des Tilsiter Friedens durchsetzen werde. Man traut, oder besser zu sagen, man wünscht diesem Monarchen die Kraft, den eisernen Willen des Kaisers von Frankreich zu beugen. Durch Unvorsichtigkeit eines jungen Mannes soll der russische Kaiser die Organisation des Aufstandes in den preussischen Staaten und in Norddeutschland erfahren, aber nicht missbilligt, nur den Wunsch geäussert haben, dass man dieses Unternehmen, bis auf die letzte Extremität aufschieben sollte. Aus diesem Umstand der stillschweigenden Billigung, eines wider den eigenen Alliirten directe gerichteten Unternehmens, schliesst man preussischerseits auf die Änderung des politischen Betragens des Kaisers von Russland, hofft, dass dieser Monarch endlich seinen unbedingten Gehorsam gegen Frankreich aufsagen, und nicht weiter dazu beitragen werde, dass der französische Kaiser nach Willkühr und Belieben, die Völker Deutschlands mit Schimpf und Schande überladen, und nach Laune vernichten könne. Wer den Kaiser von Russland Selbst- und Alleinherrscher glaubt, der mag es sich erlauben nach seiner Äusserung so zu argumentiren und für das Wohl der Menschheit so zu hoffen. Graf von Goetzen meint, dass wenn der Kaiser Napoleon nur einige Modificationen an dem oberwähnten Tractate macht und diese vor der Entscheidung des Wiener Hofes in Königsberg ankommen, der preussische Hof bemüssigt sein werde, diesen Vertrag zu ratificiren, dass aber bei der ersten Bewegung Österreichs, Preussen diesen Vertrag zu brechen fest entschlossen