Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1882)
Kaiser Josef II. als Staatsmann und Feldherr - J. Nosinich, Oberst im k. k. Kriegs-Archive: Österreich Politik und Kriege in den Jahren 1763 bis 1790; zugleich Vorgeschichte zu den Kriegen Österreichs gegen die französische Revolution
IV. Der* bayerische Erbfolgekrieg 1778—1779. 413 könnte daher nach reiflicher Überlegung der in der Berliner Depesche des Fürsten Kaunitz vom Ende April 1778 ausgedrückten Meinung nicht beipflichten, da sie zu viel Ängstlichkeit und Schwäche verrathe und ein zu grosses Verlangen, den Krieg um jeden Preis und auf jede Bedingung hin zu vermeiden, durchblicken lasse. Diese beruhigende, zuversichtliche Sprache des Kaisers, welche bestimmt war, die Besorgnisse der Kaiserin zu zerstreuen und Vertrauen in die Zukunft einzuflössen, übte geringe Wirkung auf Maria Theresia. Sie drang noch fortwährend in den Kaiser, den Frieden zu erhalten, sobald dieser unter ehrenhaften Bedingungen, wenn auch mit Preisgebung alter Rechte und Ansprüche zu erkaufen sei. In ihrer Correspondenz mit dem Kaiser während des Monats Juni bis zur Eröffnung der Feindseligkeiten kehrt die Kaiserin immer wieder auf den alten Standpunkt zurück, indem sie hervorhebt: Fürst Kaunitz werde sich bald schriftlich entscheiden. Sie wünsche, dass diese Entscheidung den Krieg nicht zur Folge habe, da dies das Unglücklichste wäre, was Österreich zustossen könnte. Nach dem letzten Berichte Cobenzl’s aus Berlin solle Prinz Heinrich ganz für den Frieden sein, aber dies entscheide nichts und lasse Alles in Schwebe. — Selbst ein glücklicher Feldzug würde zu nichts Anderem führen, als zum Verluste von Tausenden Menschenleben. Der Kaiser dürfe nicht glauben, dass sie ihn in seinen politischen und militärischen Combinationen beirren wolle. Sie habe ihm die ganze Leitung in die Hände gegeben und wolle nur über Alles verständigt werden. Wenn der Kaiser Mittel fände, den Krieg zu vermeiden oder einen Monat eher dem öffentlichen Unglück ein Ende zu setzen, so beschwöre sie ihn, sich nicht durch mehr oder weniger Zugeständnisse binden zu lassen, sondern sein eigenes Interesse aus Liebe für die öffentliche Ruhe hochherzig bei Seite zu setzen. Eine solche Grossmuth würde ihm mehr Ehre eintragen, als noch so viele gewonnene Schlachten oder Erwerbungen. Die Kaiserin meine nicht einen schimpflichen Frieden; sie sei weit entfernt, einen solchen ihrem Sohne aufzwingen zu wollen, aber er dürfe auch nicht aus dem Auge verlieren, dass ein mittelmässiger Friede besser sei, als ein glücklicher Krieg. — Sie gäbe ihm die Vollmacht, auf dem Schlachtfelde Frieden zu schliessen, ohne irgend welche Bedingungen dafür vorzuschreiben. Der Kaiser werde schon in Kenntniss dessen sein, dass Hannover und Dänemark ihre Truppen vermehren. Schweden werde nicht Zurückbleiben, Hessen und andere protestantische Fürsten werden sich im nächsten Jahre dem Bündnisse anschliessen und die Lage verschlimmern. Sollte Österreich auch noch von dem Kurfürsten der Oberpfalz verlassen werden, so würde seine Sache zu einer verzweifelten sich gestalten. Wenn man der Kaiserin vor 21 Jahren gesagt hätte, dass sie neuerdings von einem dritten Kriege bedroht werden und diese Zeit überleben würde, so Mitteilungen des k. k. Kriegs-Archivs. lS8:i. --9