Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1882)
Kaiser Josef II. als Staatsmann und Feldherr - J. Nosinich, Oberst im k. k. Kriegs-Archive: Österreich Politik und Kriege in den Jahren 1763 bis 1790; zugleich Vorgeschichte zu den Kriegen Österreichs gegen die französische Revolution
— stehenden, die politischen und militärischen Verhältnisse übersichtlich darstellenden Brief. „Die Unzukömmlichkeiten und Gefahren, welche ich seit unserem Einmarsch in Bayern vorausgesehen, ; treten nur zu stark hervor und vermehren sich derart, dass ich unwürdig wäre, den Namen einer Souverainin und Mutter zu führen, wenn ich nicht den Umständen entsprechende Massnahmen träfe, ohne dabei an mich zu denken. Es handle sich um nichts Geringeres, als um den Untergang unseres Hauses, unserer Monarchie und selbst um einen gänzlichen Umsturz in Europa. Kein Opfer wäre zu gross, um noch bei Zeiten dieses Unglück abzuwenden. Ich werde zu Allem, ja selbst zur Erniedrigung meines Namens die Hände bieten und will es gerne ertragen, wenn man behauptet, ich fasele und bin kleinmüthig. Nichts wird mich abhalten, Europa aus dieser gefährlichen Lage zu befreien. Ich weiss nicht besser den Rest meiner unglücklichen Tage anzuwenden. Ich gestehe, dass dieses Opfer mich theuer zu stehen kommt, aber es ist gebracht und ich werde es zu ertragen wissen. Ich werde ein Gemälde über unsere militärische und politische Lage entwerfen. Dies thue ich um desto lieber, indem Alles, was nachkommen könnte, nur die Folge dieses Schrittes ist, den mir mein Gewissen, mein Pflichtgefühl und meine mütterliche Zärtlichkeit vorschreiben. Unser Heer steht jenem des Königs von Preussen sicher um 30.000 bis 40.000 Mann nach, besonders an Cavallerie. Für Friedrich II. ist die innere Lage vortheilhaft; wir müssen das Doppelte thun, um dem Bedürfnisse zu genügen. Er besitzt Festungen, wir nicht; wir haben weite Länderstrecken zu decken, entblössen unsere Grenzen ganz und setzen sie Einfällen und Aufständen aus. So ist der Zustand Galiziens beschaffen, in welchem Lande nur ungefähr 200 Pferde und sieben Bataillone Invaliden bleiben. In diesem offenen, vor Kurzem erst eroberten und nichts weniger als gesicherten Gebiete ist der Freiheitsgeist noch nicht ausgestorben; die Nation hat gezeigt, dass sie sich zu regen fähig ist, wenn sich nur Jemand findet, der ihr den Anstoss gibt. Werden die Könige von Preussen und Polen, wie überhaupt das ganze Volk, bei der ersten günstigen Gelegenheit keinen Nutzen ziehen aus dem nun eingeführten Recht des Stärkeren, welches Niemand mehr verspüren könnte, als gerade Österreich? Ungarn ist ebenfalls von Truppen entblösst und in seiner Nachbarschaft droht der Krieg zwischen den Russen und Türken wieder auszubrechen. Man kennt die preussischen Intriguen gegen uns in Constantinopel, und der letzte Brief des Königs an seinen Geschäftsträger zeigt, dass er Österreich auch diese Feinde auf den Hals hetzen will, die Alles, was ihnen beliebt, in den von Truppen und Festungen entblössten Ungarn in Besitz nehmen können. Selbst wenn unsere Truppen in Sachsen und Schlesien, was sehr zu bezweifeln ist, dann in der Öberpfalz stünden, würden wir nicht in der Lage I