Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1882)
Kaiser Josef II. als Staatsmann und Feldherr - J. Nosinich, Oberst im k. k. Kriegs-Archive: Österreich Politik und Kriege in den Jahren 1763 bis 1790; zugleich Vorgeschichte zu den Kriegen Österreichs gegen die französische Revolution
366 Kaiser Josef II. als Staatsmann und Feldherr etc. Absicht verbinde, als den Wiener Hof in die Alternative einer entehrenden Erniedrigung oder eines weit aussehendon Krieges zu setzen. Wurde das schon in Besitz genommene Bayern wieder geräumt, so ward hiedurch schweigend zugestanden, dass der Einmarsch widerrechtlich stattgefunden oder dass man vor preussischer Übermacht sich zurückgezogen habe. Beides schädigte das Ansehen der Regierung Maria Theresia’s und Josefs in hohem Grade und unterwarf ganz Deutschland der Bot- mässigkeit Preussens. Die Freiheit und Selbständigkeit der deutschen Fürsten schwebte in grosser Gefahr, denn wer würde es gewagt haben, die Dictate Friedrich II. nicht zu befolgen, wenn dieser das Reichsoberhaupt selbst gedemüthigt und das mächtige Haus Österreich seinem Machtgebote unterworfen hätte? Diese politischen Momente und die Rücksichten auf die strategischen Verhältnisse waren die Beweggründe, welche die leitenden Staatsmänner Österreichs, Kaiser Josef und Fürst Kaunitz, bestimmten, den Forderungen Preussens in brüsker Weise entgegenzutreten. Österreich vermöge seiner centralen Lage im Herzen Europa’s, von allen politischen Bewegungen und Kriegen mehr oder weniger berührt und in Mitleidenschaft gezogen, war der einzige festländische Grossstaat, welcher keine compacte Masse, sondern ein unzusammenhängendes Staaten-Conglomerat ohne natürliche Grenzen repräsentirte. Die entfernten Theile der Monarchie hingen politisch und militärisch mit dem Kerne der Macht so lose aneinander, dass sie bei Ausbruch eines Krieges in den allgemeinen Operationsplan nicht einbezogen, ohne Unterstützung gelassen, für ihre Vertheidigung selbst sorgen mussten. Zur Abgrenzung der Staaten waren bisher meist politische Motive ausschlaggebend und die Diplomaten entwarfen weit mehr die Kriegspläne, wenn auch nur in allgemeinen Umrissen, als die Heerführer. Friedrich II., den hohen Werth strategischer Grenzen erkennend, suchte den preussischen Staat nach militärischen Grundsätzen zu arrondiren, indem er ihm durch die Eroberung Schlesiens und der Grafschaft Glatz gegen Österreich und durch die Theilung Polens gegen Russland die zum Angriffe und zur Vertheidigung vortheilhafteste Demarcation verschaffte. Kaiser Josef II. sah in der Erwerbung Bayerns nicht allein den ersten Schritt zu der traditionellen Politik des kaiserlichen Hofes'), sondern auch eine militärische Nothwendigkeit zur Vertheidigung der zur Krone Österreich gehörenden Länder. Im Besitze von Bayern trat Österreich über Tyrol mit Mailand in engere Verbindung und ') Abgesehen von den Bestrebungen in früheren Epochen, namentlich während des spanischen Successionskrieges, wollte Österreich im Jahre 1743 schon Bayern erwerben. Kaiser Karl VII. sollte fiir die Abtretung Bayerns durch Eisass, Lothringen und die Frauelie Comté entschädigt werden.