Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1881)

Moriz v. Angeli, Major im k. k. Kriegs Archive: Der Krieg mit der Pforte 1736 bis 1739 - I. Die Ereignisse im Jahre 1736

262 Der Krieg mit, der Pforte 1736—39. stände die Completirung der Armee zur Unmöglichkeit: die von den Ständen, besonders von den böhmischen gestellten Recruten waren entweder professionsmässige Deserteure, die aus der Werbung ein Geschäft machten, oder „Buben, so das Gewehr zu tragen nicht fähig“ und in kurzer Zeit den Einflüssen des ungewohnten Klima’s und der Strapazen erlagen; — die kärntnerischen Stände weigerten sich sogar entschieden, die ihnen repartirten 662 Recruten weder „in natura noch im Golde“ beizustellen. Der Stand der Infanterie schmolz in Folge dieser Verhältnisse so sehr zusammen, dass der Hofkriegsrath sich im October genöthigt sah, bei sämmtlichen Regimentern die vierten Bataillone aufzulösen und zur Ergänzung der übrigen drei Bataillone zu verwenden, wodurch der Stand jedes Regimentes um 700 Mann vermindert wurde. Trotz wiederholter „scharfer Rescripte“ aus Wien hatte der inner-österreichische Hofkriegsrath so gut wie nichts vorgekehrt. In den Orten, welche die aus Italien kommenden Truppen zu passiren hatten, waren nirgends Magazine oder grössere Vorräthe, und man scheute sich nicht, diese Versäumniss dadurch zu verdecken, dass man dem GFW. Grafen Pallavicini, welchem die Einrichtung des Marsches übertragen war, ganz unrichtige Angaben über die natür­lichen Ressourcen machte, um den Durchzug der Truppen abzulenken. Ebenso wenig war für den Vertheidigungszustand der croatischen und Savegrenze geschehen, wo die festen Plätze ohne Proviant, Geschütz und Munition waren und in Folge dessen Inner-Österreich dem Feinde vollkommen offen stand. Der Hofkriegsrath sah sich zuletzt genöthigt, den FZM. Baron Schmettau mit ausgedehnten Voll­machten nach Inner-Österreich zu schicken, um den Übelständen abzuhelfen. Auch in politischer Beziehung tauchten viele Schwierigkeiten auf und erwiesen sich die Befürchtungen des Kaisers, dass die alliirten Mächte die Verwicklungen im Oriente zu ihren Gunsten ausbeuten würden, nur zu bald als vollkommen begründet. Frankreich verweigerte, als die Theilnahme des Kaisers an dem russisch-türkischen Kriege nicht mehr zweifelhaft war, die Ratification des Übereinkommens bezüglich der früheren Abtretung Lothringens, — in Italien war der Abmarsch der nach Ungarn bestimmten Regimenter für Spanien der Anlass zur Erhebung neuer Forderungen. Der Kaiser liess sich jedoch hiedurch nicht abhalten, seine Armee von den Kriegsschauplätzen abzuziehen, wo durch die Gewalt der Waffen ohnehin kaum mehr ein Erfolg zu erreichen war. Die Con- centrirung der Truppen wurde unaufgehalten fortgesetzt. Ungeachtet sich die Einschiffung der Regimenter bis zum 22. August ver­zögerte und auch die Landmärsche in Folge vielfacher Stockungen sich weit über die voraus bestimmte Zeit ausdehnten, so war doch

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