Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs 3. (1878)
Das Bildungswesen im österreichischen Heere vom dreissigjährigen Kriege bis zur Gegenwart. (Beitrag zu Culturgeschichte Österreichs.) Nach Originalquellen von Josef Ritter Rechberger von Rechkron, Major im k. k. Kriegs-Archiv
vom dreissigjährigen Kriege bis zur Gegenwart. 47 Ein ferneres Hinderniss für das Gedeihen der Institute suchte man in deren grosser Zahl, und dies ward dadurch motivirt: „Bei der Abberufung oder Erkrankung des Instituts-Officiers ist die Leitung in den Händen der Unterofficiere; durch die in Folge der Verhältnisse oft jahrelange Entfernung vom Regimente bleibt das Institut der unmittelbaren Aufsicht und Einwirkung des Obersten entzogen, und der oft schnelle Wechsel im Brigade-Commando macht die scharfe und eingehende Controle unmöglich ').“ Es wurden darum für die Armee, anstatt der vielen kleinen, vier grosse Institute beantragt. Dem ursprünglichen Zwecke entsprachen aber gerade erstere, weil Kaiser Josef II. den Kindern eine vorzugsweise individuelle Pflege angedeihen lassen wollte, während die Überwachung von Knaben von so zartem Alter, deren jeder noch physische Wartung bedurfte, in jener Zeit, wenn auch nicht unmöglich, doch äusserst schwierig gewesen wäre. Für das verflossene Jahrhundert darf in Bezug auf körperliche Pflege überhaupt selbst der heute in den untersten Schichten der Gesellschaft herrschende Zustand nicht zum Massstabe genommen werden. Die Anstellung von „Säuberungsweibern (für die in zartem Alter gestandenen Knaben)“ in Anstalten, wo Kinder verschiedener Gesellschaftsclassen Aufnahme fanden, deutet auf die in solcher Beziehung nöthig gewesenen Massregeln. Nach einem Berichte, welcher in Folge der vom General der Cavallerie Erzherzog Ferdinand angeordneten Erhebung aller ungünstig einwirkenden Ursachen erstattet wurde, heisst es: „selbst die besten Einleitungen und Unterrichts-Verbesserungen bei ein oder dem anderen Erziehungshause dauern selten in die Länge; daher der bald bessere und bald wieder schlechtere Zustand in den Häusern Beweise und Ursachen sind“ *). Darum ist es nicht befremdend, dass es derlei Institute gab, welche zum Muster dienen konnten, während wieder in anderen eine moralische Verwahrlosung der Knaben zu Tage trat, dieselben physisch herabkamen und selbst dem Hunger preisgegeben blieben. Dies war dort der Fall, wo den nicht hinlänglich überwachten Commandanten das Verständniss für ihre Pflichten mangelte, und die pecuniären Zuflüsse, auf Kosten der materiellen Existenz der Zöglinge, für Äusser- lichkeiten, d. h. militärische Spielereien und dergleichen verwendet wurden. Bei einzelnen Erziehungshäusern war die Möglichkeit des Pro- sperirens, ungeachtet die staatlichen Dotationen stets unverändert blieben, durch die Aufnahme von Kostzöglingen auch in jener Zeit dargeboten, in welcher die Preise aller Lebensbedürfnisse eine wesentliche Steigerung erfahren hatten. ') Staatsräthliche Militär-Sectiou 91, D, 13—2 (Kriegs-Archiv). 2) Kriegs-Archiv; Fase. IX, Nr. 212.