Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs 1. (1876)

Österreichs Kriege seit 1495. Chronologische Zusammenstellung des Schlachten, Gefechte, Belagerungen etc., an welchen kaiserliche Truppen auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen entweder allein, oder mit ihren Alliirten theilgenommen haben - Eine Episode aus der Schlacht bei Magenta den 4. Juni 1859

Eine Episode aus der Schlacht bei Magenta den 4. Juni 1859. 69 werden. Ein dumpfer Schlag, und eine Geschützkugel durchbohrte beide Wände des ersten Stockwerkes; in kurzer Zeit folgte eine zweite, dritte und so fort. Auch das feindliche Kleingewehr-Feuer begann wieder, Geschoss auf Geschoss durchsauste das Haus; vor den Geschütz­kugeln gab es keine Deckung. Glücklicherweise gingen die meisten im Bogen über unsere Köpfe weg. Die Verwundeten und Getödteten mehrten sich bedenklich. Bald sank ein Theil der zerrissenen Wände zusammen, der Plafond stürzte theilweise ein, und durch die Lücken fielen Dachsparren und Ziegel in die Zimmer; das ganze Gebäude schien zu wanken, und jeden Augenblick erwarteten wir, dass es zu­sammenbrechen würde; zu dem eigenen Pulverdampfe gesellte sich der Staub des einstürzenden Mauerwerkes, so dass Keiner den Anderen sehen konnte, und alle Leitung des Kampfes aufhörte. Das erste Stockwerk war nicht mehr zu halten, daher wurde die Mannschaft zum Sammeln im Erdgeschoss befehligt. Mit nicht wenig Schwierigkeiten, welche die zur Verrammelung der Stiege zu­sammengeworfenen Einrichtungsstücke verursachten, langten wir dort an; die Verheerung war hier etwas geringer. Auch hier vertheilten wir die Mannschaft zu den Fenstern, und die Vertheidigung wurde noch eine Zeit lang fortgesetzt. Von allen Seiten waren wir umringt, — der Feind hatte sich um das Haus in allen Deckungen eingenistet; — die Munition war zu Ende, das Kanonenfeuer zerwühlte das Gebäude, das über unseren Köpfen einzustürzen drohte, — aber das erwartete Kampf­geschrei unserer Truppen liess sich nicht hören. Da fassten wir den Entschluss, einen Durchbruch mit dem Bajonnete zu versuchen. Unsere Schaar sammelte sich unter einem Portikus im Hofe geschlossen. Da — erschien der Feind, 10 Schritte vor uns, die Hofmauer dicht besetzend; an das Einfahrtsthor dröhnten die Schläge der Sappeurs, in unserem Rücken erbrachen sie die Fenster des Erdgeschosses und drangen in die Zimmer, die nur eine schwache Thüre hinter uns schloss. Wir wollten auf das Pförtchen in der Hofecke, den einzig möglich scheinenden Ausweg zustürzen; auf der Hofmauer über demselben reihten sich die Feinde Kopf an Kopf, hielten uns die Flinten in Anschlag entgegen, aber wie instinctmässig in Erkenntniss unserer Wehrlosigkeit thaten sie keinen Schuss, sondern harrten, was da kommen sollte. In diesem Momente wurde ein weisses Tuch über der Hofmauer geschwenkt; es erhob sich ein französischer Officier mit einem Hor­nisten und einem Zuaven halb über dieselbe und begehrte: „Es möge Jemand unserseits vortreten, dem er im Aufträge seines Comman- danten, des Obersten Tixier, Eröffnungen zu machen habe.“ Der Zuave wiederholte dies deutsch. Oberst Hauser sendete den Bataillons-Ad­jutanten, Oberlieutenant Mudroch, vor; er schritt über den Hof, legte

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