György, Josef: Die Goethe-Sammlung Balthasar Elischers in der Bibliothek der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (A MTAK kiadványai 39. Budapest, 1963)
des ersten bedeutenden ungarischen Literarhistorikers, Franz Toldy, bei Goethe i. J. 1829 für keinen der beiden besonders fruchtbar war und auch die Unbewandertheit Goethes in ungarischen Dingen nicht zu zerstreuen vermochte, die in einigen Aussprüchen des Dichters über unser Land zum Vorschein kam. 4 9 Ein Teil des deutschungarischen Bürgertums folgt sich dem Einfluss der ungarischen Reformbewegung, nimmt an dem Autbau des ungarischen Nationalstaates wirksam teil und schliesst sich in literarischen Fragen dem Urteil der ungarischen Schriftsteller an. Ein anderer, seiner Anzahl nach grösserer Teil des deutschsprachigen Bürgertums verhält sich der Reformbewegung gegenüber passiv, ein dritter, allerdings geringer Teil aber widersetzt sich den Reformtendenzen. Den drei verschiedenen Schichten gemäss weist das Verhältnis zu Goethe unterschiedliche Aspekte auf. Am klarsten tritt die Wertschätzung Goethes bei der politisch indifferenten Schicht in Erscheinung, zu der auch Elischer gehörte. Elischer suchte in Goethe nicht das Literarische, sodern den Menschen, die Verkörperung der Humanität, den vollkommenen Menschen, den er in Person verehrte und liebte, ohne jeden Vorbehalt. Wie sehr er an diesem vollendeten Menschen hing, davon zeugen die Goethe-Reliquien in seiner Sammlung: Trinkbecher, Zeichnungen, Medaillen usw. Schon das Leben Elischers, die ihm überkommene bürgerliche Lebensform und bürgerliche Kultur schlössen diese seine Bestrebungen in sich, denen in damaliger Zeit besondere Bedeutung zukam. 5 0 Zur Sammeltätigkeit wurde Elischer aber auch durch andere Wirkungskräfte angeregt: ein mächtiger Ansporn hierzu ging von mehreren seiner Freunde und Bekannten aus. Der Goethekultus des In- und Auslandes wurde von mehreren Quellen her gespeist; seine Auswirkungen machten sich in unserer Literatur am stärksten bei Kazinczy geltend, doch auch die beiden Kisfaludy, Kölcsey, Vörösmarty, Josef Eötvös, Kármán und Arany konnten sich ihm nicht entziehen, selbst Petőfi nicht, in seiner Dichtung. Ebenso wie Shakespeare's Geist auch heute unter uns lebt, so intensiv wirkt Goethes Geist und Dichtung auch noch in unseren Tagen. Förderer der Rezeption Goethes und Künder seiner Grösse waren vor allem die Mitglieder vorerst privater, später dann offizieller Goethe-Vereine und -Gesellschaften. Michael Bernays musste noch 1875 mit Bedauern feststellen, dass der literarische Nachlass des Dichters von den Erben der Öffentlichkeit vorenthalten werde, 5 1 doch zehn Jahre später wurde, nach dem Tode des letzten Goetheenkels Walther, der Nachlass freigegeben; es konstituierte sich die Weimarer Goethe-Gesellschaft und das zur Pflege von Kunst und Literatur gegründete Freie Deutsche Hochstift stellte sich ganz in den Dienst der Goethe-Verehrung. Die Goethe-Forschung nahm nun, dank der zünftigen Germanisten und der tätigen Zusammenarbeit von Schriftstellern und Verlegern einen ungeahnten Aufschwung. Nebst den Schätzen des offiziellen Goethe- und Schiller-Archivs gewannen die Privatsammlungen einzelner Goetheverehrer immer mehr an Bedeutung. 5 2 Wenn wir den Freundeskreis Balthasar Elischers näher betrachten, sind der Hintergrund und die Triebkräfte seiner Sammlerleidenschaft und seiner Goetheverehrung klar zu erkennen. Elischer, der sich für Musik und Dichtung begeisterte, erhielt, auf 49 Gespräch mit Josef Sebastian Ritter von Grüner, Stadtrat von Eger (1780—1864). Biedermann: Goethes Gespräche. IV. Leipzig 1889. S. 118. 50 Pukánszky, а. а. О. S. 187—188. 51 Der junge Goethe. Mit einer Einleitung von Michael Bernays. Leipzig 1875. Verlag von Salomon Hirzel. I. Bd. S. 5—97. 52 Die bekanntesten Verleger, die über eine Sammlung verfügten, waren Salomon Hirzel, Heinrich Lempertz und Anton Kippenberg. Die von Fedor v. Zobeltitz gegründete Zeitschrift für Bücherfreunde förderte die Sammlertätigkeit. Auch Zobeltitz hatte eine grosse Goethe-Sammlung. 17