Miklós Kásler - Zoltán Szentirmay (szerk): Identifizierung der Skelette von Angehörigen des Arpadenhauses in der Matthiaskirche. Unter Verwendung von historischen, archäologischen, anthropologischen, radiologischen, morphologischen, Radiokarbondatierungs- und genetischen Daten (Budapest, 2021)
2. KAPITEL – Historischer Hintergrund
Die ungarische Monarchie der Arpadenzeit gehörte zu den wichtigsten Machtfaktoren im damaligen Europa. Ihre Könige konnten (abgesehen von den Jahren 1045-1046 unter deutschem und 1163 unter byzantinischem Einfluss) die Unabhängigkeit Ungarns gegenüber dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation und dem Byzantinischen Reich aufrechterhalten und übernahmen nicht einmal ein päpstliches Lehen. Die knapp zwei Jahrhunderte andauernde archaische Ära des Königreichs Ungarn von Stephan I. dem Heiligen bis Béla III. kann man vom außenpolitischen Aspekt in zwei Abschnitte teilen. Auch im ersten Abschnitt bis zur Herrschaft von Ladislaus dem Heiligen gab es lebhafte Beziehungen, doch ohne dauerhaften Gebietszuwachs. Stephan I. der Heilige pflegte über Jahrzehnte hinweg gute Beziehungen zu beiden Kaiserreichen. Das Verhältnis verschlechterte sich zuerst mit dem deutschen Kaiserreich, denn mit Heinrich II. starben die Liudolfinger (Ottonen) aus und die an ihre Stelle tretenden Salier vertraten eine neue, auf Eroberungen ausgerichtete politische Richtung. Das feindselige ungarisch-deutsche Verhältnis bedeutete für das junge Königreich Ungarn mehr als ein Vierteljahrhundert lang ein Kräftemessen mit immer wieder aufflammenden Kämpfen und auch in den Zeiträumen ohne Waffengängen Zustände wie „im kalten Krieg“. Zwischendurch zeugten Kämpfe um den Thron und Heidenaufstände davon, dass Ungarn eine tiefe Krise durchmachte. Das gleichzeitige Auftreten von inneren und äußeren Konflikten bedrohte das Dasein der Staatlichkeit, doch bewies die schnelle und erfolgreiche Bekämpfung der Doppelkrise die Lebensfähigkeit des ungarischen Staates. Bis zur Herrschaftszeit von Ladislaus dem Heiligen (1077-1095) festigte sich die innen- und außenpolitische Lage des Königreichs 54