„Stephan Dorffmaister pinxit”. Dorffmaister István emlékkiállítása (Zalaegerszeg, 1997)
Galavics Géza: Die Histrienbilder von Stephan Dorffmaister
Bozzetto zeigt besonders im Kontrast der malerischen Tonwerte und in der Festlegung der Töne und besonders der Lichter eine ausgeprägte barocke Auffassung und bewahrt die akademischen Traditionen der Jahrhundertmitte. Im Deckengemälde ist das Licht gleichmäßiger, die Formen detailfreudiger und genauer erfaßt. Gerade durch diese kommt die Authentizität der Darstellung stärker zum Ausdruck. Dem Maler und dem Auftraggeber lag es gleicherweise viel daran, das historische Ereignis authentisch zu vergegenwärtigen. Deshalb wandte sich der Maler der zeitgemäßesten Quelle, den Illustrationen des Tyrnauer Corpus Juris Hungarici zu, die die Bildnisfolge der ungarischen Herrscher im „Mausoleum" modernisierte. Hier hatte er bereits bei der Darstellung der Schlacht von Mohács die Inspiration geholt, aber im Falle des Deckengemäldes in Kiskomárom ist die Beziehung von F. Schmittners Kupferstich (Abb. 62.) und Dorffmaisters Fresko noch unmittelbarer. Das Gemälde folgt der Struktur des Stiches mit dem König im Mittelpunkt, auf der einen Seite stürzen sich die heidnischen Ungarn auf Bischof Gerhardus, auf der anderen Seite wird unter Mitwirkung des Baumeisters, von Steinmetzen und Bauarbeitern eine neue monumentale Kirche erbaut. Darauf weisen aber im Wandgemälde außer den Werkzeugen nur der grauhaarige Baumeister, ein Jüngling mit dem Grundriß der Kirche und eine weitere männliche Figur hin, der mit dem Gesandten des Königs verhandelt. Einen viel stärkeren Akzent erhält hingegen die gegenüberliegende Szene, der Märtyrertod des heiligen Bischof Gerhardus und seiner Gefährten. Dabei verwertete Dorffmaister ein fremdes Vorbild, und zwar - eigenartiger Weise das Deckenfresko der Würzburger Residenzkapelle. Dieses wurde in den 1730er Jahren von Rudolf Byss ausgeführt und stellte das Martyrium der Missionäre der Franken, der Heiligen Kilián, Kolonat und Totnan dar. Der aus der Schweiz gebürtige Meister wurde zwar in den 1720er Jahren auch bei der Ausmalung der Wiener Hofburg beschäftigt, aber es ist nicht geklärt, wie Stephan Dorffmaister an die Komposition von Byss - oder eventuell an ihre gemeinsame Vorlage - herankam. 29 Die ein Jahr nach dem Altarbild von Szombathely entstandenen Fresken von Kiskomárom protestieren im Sinne des Auftraggebers genauso gegen die josefinische Kirchenpolitik und deren Folgen wie das Bild Bischof Szilys. Bei dem anspruchsvollen Programm fiel jedoch die Kombination von Standort (in einer weitab gelegenen Dorfkirche), Gattung (das illusionistische Deckengemälde befand sich bereits im Erlahmen) und einer Suche der spätbarocken Historienmalerei nach neuen künstlerischen Möglichkeiten denkbar ungünstig aus. Das Werk bot keine Eraeuerungsmöglichkeiten, weder dem Publikum noch dem Maler und fand auch keinen Nachfolger: Es ist tatsächlich das letzte in der Reihe der Historienbilder an Kirchendecken geworden. Die letzte Folge von Historienbildern war im Oeuvre von Dorffmaister ein Ölgemälde-Ensemble. Er führte diese Arbeiten am Schauplatz seines ersten bedeutenden historischen Deckengemäldes, in der Zisterzienserabtei von Szentgotthárd, gegen Ende seines Lebens aus. Die sechs großformatigen Ölgemälde waren für den am meisten repräsentativen Raum des Klosters, für den Empfangssaal des Abtes bestimmt. 30 Zum Thema wurden die Ordensgeschichte und deren Wendepunkte gewählt. Verschiedene religiöse Orden ließen ihre Ordensgeschichte oder die Geschichte eines Klosters gerne darstellen, vor allem in der künstlerischen Ausstattung der Refektorien. Im Mutterkloster von Szentgotthárd, in Heiligenkreuz, oder bei den Benediktinern von Pannonhalma treten die königlichen Stifter und die Urheber von großen Schenkungen durch ihre Porträts in Erscheinung, gleichsam als Nebenthema des gemalten Programms. 31 Im Empfangssaal des Abtes von Szentgotthárd spielt aber die Geschichte die Hauptrolle, und zwar in großformatigen, künstlerisch anspruchsvollen Kompositionen. Und nicht nur durch die Person der königlichen Stifter und Wiederhersteller (Béla II. und Karl III. [VI.]), sondern durch die Darstellung von Ereignissen, die das Schicksal des ganzen Landes - und damit freilich auch der Abtei - maßgeblich bestimmten: durch die Schlachten bei Mohács beziehungsweise Szentgotthárd. Ein weiteres Bild zeigt die wiederaufgebaute barocke Abtei mit ihren Gütern, und die Folge wurde durch ein Beispiel der Modernisierung des Ordens, durch die Stiftung des Lyzeums von Szombathely, abgeschlossen. Es ist eine zeitgemäße, in ihrer Geschichtsphilosophie weltoffene, moderne Bilderfolge, die die Lage der Abtei jeweils im Kontext der Geschichte des Landes betrachtet. Die sechs Ölgemälde schmückten einen einzigen Saal. Die Decke und die Seitenwände trugen nach der Mode des ausgehenden 18. Jahrhunderts „à l'antique" Ornamentik, wodurch der zeitgerechte Gesamteindruck der historischen Folge zusätzlich gestärkt wurde. Die sechs Szenen sind nach dem gleichen Schema aufgebaut. Der Horizont liegt bei allen in gleicher Höhe, bei 2/3 des Bildes, als wollte der Meister die sechs historischen Ereignisse aus unterschiedlichen Epochen in der gleichen Landschaft vorzeigen. Alle sechs sind - abweichend von den Historienbildern des bischöflichen Sommerpalastes von Mohács, denen sie in Funktion und Charakter am nächsten stehen - großfigurige Kom120