Vadas Ferenc (szerk.): A Wosinszky Mór Múzeum Évkönyve 15. (Szekszárd, 1990)
Die Awaren und ihre Beziehungen zu anderen Völkern - Walter Pohl: Historische Überlegungen zum awarisch-byzantinischen Austausch
Dennoch trifft wohl auch auf das awarisch-byzantinische Verhältnis zu, was Klaus Hesse vor einigen Jahren über die Tributbeziehungen zwischen China und seinen nördlichen Nachbarn schrieb: Es handelt sich nicht um bloße Abgaben, sondern um „eine politische, ökonomische und zeremonielle Angelegenheit zwischen politischen Körpern"; sie „beinhaltet auch Austausch zwischen dem chinesischen Hof und einer politischen Gruppierung in der Mongolei, wobei die Wertgröße im Austausch von den politischen Gegebenheiten bestimmt wird". (HESSE 1984, 158.) Die Gegenleistungen der Awaren bewegen sich allerdings vor allem auf politisch-militärischem Gebiet. Zunächst wurde der Kampf gegen andere Nachbarn des Imperiums, gegen Utiguren, Anten, Slawen und Franken, von beiden Seiten als militärische Dienstleistung aufgefaßt (auch wenn er durchaus ebenso im Interesse der Awaren selbst unternommen wurde). Später ging es eher darum, Angriffe auf das Römerreich zu unterlassen oder abzubrechen; damit ersparten die Awaren den Römern etwa die Aufstellung einer schlagkräftigeren Armee. Auf diese Weise nützten die Awaren, wie viele andere Barbarenheere vor ihnen, für sich jene Kostenschere, die den Kalamitäten des Römerreiches zugrundelag: Die Aufstellung und Versorgung einer eigenen Armee war wesentlich teurer, als sich der Dienste eines geschlossenen Barbarenheeres zu versichern. Unter Justinian betrug der Jahressold eines römischen Soldaten etwa 5 Solidi; höhere Offiziere verdienten von 400 Solidi aufwärts, und ein Spitzengehalt konnte in die Zehntausende gehen. Insgesamt bewegte sich das Heeresbudget Justinians, nach der Schätzung Ernst Steins, um die 5-6 Millionen Solidi. (STEIN 1919, 143; POHL 1988, 180.) Dagegen nehmen sich selbst die 200000 Solidi, die wenige Jahre lang an den Awarenkhagan gezahlt wurden bescheiden aus. Geschlossene Barbarenheere unter ihren eigenen Anfuhrern kamen also wesentlich billiger; und reguläre römische Heere waren nicht einmal wesentlich zuverlässiger, wenn man etwa die ständigen Meutereien in den Kriegen des Maurikios berücksichtigt. Aus Barbaren bestanden sie zum Großteil ohnehin. Die Summen, die die Awaren, wie viele andere zuvor, erhielten, waren also zur Machterhaltung des römischen Kaisertums nicht einmal schlecht investiert. Langfristig untergrub dieses System freilich in weiten Gebieten seine eigenen ökonomischen Grundlagen. Denn solcherart war ein umfassender, grenzüberschreitender ,Arbeitsmarkt' für Soldaten entstanden. Je höher die Nachfrage nach Soldaten, desto größer wurde auch das Angebot - denn für Barbarenkrieger in nah und fern schuf das verlockende Karrieremöglichkeiten. Auf der anderen Seite stieg mit dem erhöhten Angebot an Soldaten, die immer mehr kriegerische Verwicklungen mit sich brachten, auch die Nachfrage von Seiten des Imperiums, um die zunehmenden bewaffneten Konflikte wieder unter Kontrolle zu bekommen. Es war nicht zuletzt diese Spirale der Militarisierung, die Justinians Restaurationsbemühungen schließlich scheitern ließ; und es waren vor allem die Awaren, die an der Donau von diesem Scheitern profitierten. Es gelang den Khaganen, den ,Kriegmarkt' an der Donau zeitweise praktisch zu monopolisieren und damit den Preis in die Höhe zu treiben: Das spiegelt sich in der Steigerung der Jahrgelder von einigen zehntausend Solidi zu Beginn über 80 000 um 580 bis auf 200 000 vor 626. Das Awarenreich wurde auf diese Weise zu einem Teil des mediterranen Wirtschaftsraumes und des römischen Steuersystems. Dennoch waren die Awaren dadurch diesem Wirtschaftsraum nicht einfach eingegliedert: Die Reichtümer, die dem Khaganat zuflössen, wurden zugleich zu einem bedeutenden Teil 93