A Nyíregyházi Jósa András Múzeum évkönyve 39-40. - 1997-1998 (Nyíregyháza, 1998)

Néprajz - Sándor Erdész: Gelehrte Hirten in der Folklore

Sándor Erdész Gelehrte Hirten in der Folklore Der Volksmund fügt dem Namen solcher Hirten (Schaf-, Kuh-, Pferdehirten), Müller, Wagner, Schmiede usw., die über reiche Erfahrungen und Kenntnisse verfügen, oder deren Beschäftigung das Attribut gelehrt bei. Die folkloristische Tradition schreibt diesen Gelehrten auch einen breiten magi­schen Tätigkeitskreis zu. Schwierigste Aufgabe des Hirten war es, das Vieh zu hüten. Vor dem Frühjahrsauftrieb umschritt oder umräucherte der gelehrte Hirt zunächst die Weide. Der magische Kreis war so etwas wie eine Umzäu­nung, die das Vieh nicht durchbrechen konnte. Dieser magische Kreis wurde hervorgerufen, indem man rings um die Weide eine Peitsche, einen Stab oder toten Fuchs hinter sich herzog, in ihrem Umkreis Hirse ausstreute oder sie unbekleidet um­schritt. Zum Hüten der Tiere eignete sich auch der in die Erde gestoßene Hirtenstab, vor allem dann, wenn man zuvor eine Schlange damit erschlagen hatte. Nun konnte der Hirt seinen Mantel und Hut an den Stab hängen und ruhigen Gewissens ins Wirtshaus gehen. Die Frau des Hirten wußte, daß sie den Stab nicht berühren durfte, weil er dann seine magische Kraft verlieren und die Herde auseinanderlaufen würde. Wenn der gelehrte Hirt wollte, scheuchte er die Herde auseinander*. Das tat er in dem Fall, wenn ihm sein Dienstherr plötzlich aufkündigte. Zum Ver­schrecken benutzte man in eine Pfeife gestopftes Wolfsblut oder Hutfett. Die behexenden Räuchermittel waren den Hirten gut bekannt, und sie wußten auch, wie man sich dagegen schützen konnte. Neben Wolfsblut und Hutfett wurden zum Verschrecken auch noch Rinderklaue, Eselshuf, Wolfsleber und zu Pulver zer­stoßene Schlangenhaut verwendet. Um sich gegen den behexenden Rauch zu schützen, stopfte ein gelehrter Hirte der Nyirgegend sieben Flausch­locken, neun Sommerzwiebeln und ein wenig Hanf­werg in seine Pfeife und zündete sie an. Damit gelang es ihm, die Herde zu beruhigen. Gelehrte Hirten verstanden sich auch auf das Heilen der Tiere. Hatte ein Rind Blähungen, wurde es mit einem Trokar gestochen, gegen Insekten schütze man die Tiere durch Rauch. Zum Hirten­beruf gehörte weiters das Desinfizieren und Heilen von Wunden. Die Schafhirten stellten Räudefett her und bestrichen damit die Haut der kranken Schafe. Die Drehsucht wurde durch Schädeltrepanation geheilt, als eine Heilart wandte man aber auch das Gesundbeten (Zurückzählen) an. Zum Kreis der magischen Heilung gehörte das Pulverstreuen (gegen Würmer) ebenso wie die Behandlung des Augenstars aus der Ferne. Heilzwecken dienten früher außerdem die Offer (kleine Opferskulpturen in Tiergestalt). Diese aus Wachs gefertigten Offer wurden bei den Jahrmärkten in Máriapócs von Pfef­ferkuchenhändlern feilgeboten. Die Jahrmarktbe­sucher kauften sie und brachten sie in die Kirche, wo sie für die Genesung ihrer Tier beteten. Andere abergläubische Vorstellungen, die man im Zusammenhang mit den gelehrten Hirten hegte, beziehen sich schon weniger auf das Viehhüten. Eine solche Wissenschaft ist das Binden und Lösen. Der gelehrte Hirt konnte Menschen oder vor einen Wagen gespannte Tiere so zum Stehen bringen (ban­nen), als hätten sie Wurzeln geschlagen. Nach einer ganzen Weile löste er dann den Bann und gab sie wieder frei. Wenn der gelehrte Hirte einen Feind, weil er seine Herde aufgeschreckt hatte oder wegen einer anderen Tat, bestrafen wollte, kam es zum Rock- oder Mantelschlagen. Er nahm dessen Rock oder Mantel und verprügelte diesen tüchtig. Wie weit entfernt der Widersacher in diesem Moment auch war, die Schläge bekam immer er zu spüren. Berichtet wird darüber hinaus von Hirten, die sich nicht mit Wasserschöpfen abgeben mußten. Wenn das Vieh durstig war, bewegte sich der Brun­nenschwengel von selber auf und ab und goß das Wasser in den Trog. Daß die Hirten ihr Wissen höchstens an die eige­nen Söhne weitergaben, ist bekannt. Und mit dieser Verschwiegenheit, ihrem verschlossenen Wesen und ihrer Kurzangebundenheit haben offenbar auch sie selbst in hohem Maße zur Herausbildung der aber­gläubischen Vorstellungen um die gelehrten Hirten beigetragen. Übersetzt von Gotlind B. Thurmann Sándor ERDÉSZ Nyíregyháza H-4400, Ferenc kit. 33­170

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