Katalin Gellér: Die künstler-kolonie in Gödöllő 1901-1920 (Gödöllő, 2001)

führten Glasmalereien (1914) im Chor und im Schiff sind er­halten geblieben. Auch von der Innendekoration der Seminar­kirche in Temesvár sind nur die Glasmalereien (Sándor Nagy, „Achtfaches Glück" [Nyolc boldogság], 1914-1915) erhalten. Von den besten Glasmalereien Körösfői-Krieschs ist die für das Budapester Priesterseminar gefertigte mit dem Titel „Guter Hirte" [Jó pásztor] (1918) das einzige Zeugnis seines graphisch-monumentalen, durch den Gebrauch der Farben zur vollen Entfaltung gebrachten Stils. Árpád Juhász entwarf dekorative Wandgemälde für Schulen, die die Gebräuche und die Volkstracht der verschiedenen Regionen darstellten. Ma­riska Undi schöpfte aus derselben Quelle. Mit der Monumen­talisierung, der dekorativen und flächigen Darstellung der in Volkstracht bei ihren alltäglichen Tätigkeiten gezeigten Fi­guren auf ihren Wandbildern „Weißes-Kreuz-Krankenhaus" [Fehér Kereszt Kórház] (1907-1908) und „Volksherberge" [Népszálló] (1911) folgte sie dem frühen Stil Körösföi-Krieschs und Sándor Nagys. Wie viele andere monumentale Werke der Gödöllőer blieben auch diese nicht erhalten. SCHLUSS Als der ungarische Jugendstil langsam an Popularität verlor, bekamen die Gödöllőer immer weniger Aufträge, und ihre pädagogische Tätigkeit gewann an Bedeutung. Körösfői­Kriesch unterrichtete in der Kunstgewerbeschule, Sándor Nagy - ab 1934 - an der Hochschule für Bildende Kunst die klassischen Techniken. Einige Künstler verließen die Kolonie schon nach wenigen Jahren, entweder weil sich ihnen ander­weitige Möglichkeiten eröffneten, oder weil sie Schwierigkei­ten hatten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Bei Ausbruch des Krieges kehrte Léo Belmonte nach Frankreich zurück. Mehrere Künstler kämpften an der Front oder waren als Kriegsmaler tätig. Mit Aladár Körösföi-Krieschs Tod in einem Sanatorium in Buda im Jahre 1920 war die erste, große Epoche der Künstlerkolonie endgültig abgeschlossen. Sándor Nagy und seine Frau sowie die Familie Remsey, die weiterhin in Gödöllő tätig waren, gewährleisteten den Fort­bestand der Webwerkstatt. Jenő György und Zoltán Remsey gründeten 1924 den Verband der Spirituellen Künstler [Spirituális Művészek Szövetsége], während die von den Schülern Sándor Nagys und Körösföi-Krieschs gegründete Cennini-Gesellschaft [Cennini Társaság] das Entwerfen monu­mentaler Werke und die klassischen Techniken weiterführte. Die Kritiker des historisierenden Jugendstils, der ideologisch ausgerichteten, oft illustrativen Kunst der Gödöllőer, ließen den inhaltlichen, gedanklichen, philosophischen und litera­rischen Reichtum der Werke sowie ihre Rolle bei der Schaffung der Kontinuität der ungarischen künstlerischen Traditionen zunächst außer acht. Dabei ist das Werk der Gödöllőer auf­grund seiner Vielfalt eine der authentischsten bildlichen und schriftlichen Quellen über das geistige Leben jener Zeit. Im Sinne ihrer eigentümlichen Lebens- und Kunstauffas­sung betrachteten die Meister das Schaffen als eine Form der Erkenntnis, eine Stufe der inneren Entwicklung. Sie suchten vor allem nach den verbindenden Gemeinsam­keiten mit der Vergangenheit sowie den internationalen geistigen und künstlerischen Strömungen. Sie sind in erster Linie zusammen mit den finnischen, polnischen, russischen, tschechischen, skandinavischen und irischen Bewegungen einzuordnen, welche die nationale Identität betonten, regio­nale Merkmale integrierten und im Sinne der von der engli­schen Arts-and-Crafts-Bewegung formulierten Grundsätze ebenfalls die örtlichen Traditionen, Baustile, Materialien und Techniken zum Ausgangspunkt nahmen. Ihr Jugendstil ist außerordentlich eklektisch. Ihre Kunst wurde vom Geomet­rismus des französischen und des deutschen und schließlich um 1910 des Wiener und des Glasgower Jugendstils beein­flußt. Sie entwickelten keine neue oder gemeinsame Formen­sprache, doch das Zusammentreffen der romantisch-histori­sierenden Quellen des 19. Jahrhunderts mit den neuesten Be­strebungen gibt ihren Werken eine individuelle Note. Obwohl die Gödöllőer keine direkte Verbindung zur Avantgarde hat­ten, wies Sándor Nagys Jugendstil von Anfang an surrealis­tische Elemente auf. Von 1910 an finden sich unter ihren Wer­ken konsequent geometrische und solche, die den Übergang zum Expressionismus andeuten. Die Bedeutung der Künstlerkolonie besteht unter anderem in der Suche nach alternativen Wegen sowie den auf die Verbesserung der lebensqualität ausgerichteten Reformen, deren ethische und menschliche Dimensionen als beispielhaft zu bewerten sind, selbst wenn die Mehrzahl ihrer Werke noch ein Abschließen mit dem 19. Jahrhundert und seiner utopis­tischen Kunst- und Gesellschaftsauffassung ist.

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