Katalin Gellér: Die künstler-kolonie in Gödöllő 1901-1920 (Gödöllő, 2001)

Rolle. Obwohl Endre Freeskay und Ervin Raab Landschaftsma­ler waren und auch Árpád Juhász und die führenden Meister zahlreiche Landschaftsbilder schufen, bestand das Hauptziel der Gödöllőer nicht darin, neue Wege der Darstellung der Land­schaft zu erarbeiten, sondern darin, eine enge und vitale Be­ziehung zur Natur sowie eine neue Lebensweise aufzubauen. Wie überall in Europa begannen die Gödöllőer die Um­setzung der neuen künstlerischen Ideen mit dem Entwerfen ihrer Häuser. Das Zuhause galt als eine Widerspiegelung des Inneren, eine Art inneres Porträt. „Wir richten Wohnungen ein, in denen der Luxus in der reichhaltigen Vielfalt der Gedanken zum Ausdruck kommt ...", in denen die Zweckmäßigkeit und die Persönlichkeit, die „weltanschaulichen Bedürfnisse" ihrer Benutzer die Form der Gegenstände bestimmen, schrieb Kö­rösfői-Kriesch 1905 in einem Brief. Die meisten Künstler konnten es sich nicht leisten, Atelier­häuser zu bauen: sie mieteten je nach ihrer finanziellen Situa­tion Wohnungen oder Häuser in der Erdő utca und Umge­bung. Die Inneneinrichtung aber war, den Erinnerungen zu­folge, jeweils individuell. Körösfői-Kriesch richtete die Zimmer bei seiner Niederlassung in Gödöllő mit siebenbürgischen Teppichen, Stickarbeiten, bestickten Decken und Kissen sowie mit selbst entworfenen Möbeln ein. Bei Árpád Juhász gab es von Ede Thoroezkai Wigand entworfene Möbel, handgewebte Textilien und Krüge aus Siebenbürgen und im Matyó-Stíl. Lediglich Sándor Nagys und Belmontes Familien zogen in von István Medgyaszay entworfene neue Häuser (1904-1906), die zu den modernsten Werken der zeitgenössischen Architek­tur gehörten. Medgyaszay verwandte in diesen Ziegelbauten Eisenbeton, die dekorativen Elemente des Eingangs und der Dachterrasse mit Pergola sind von der Volkskunst inspiriert. Die Aufteilung der Häuser war neuartig, indem sie statt der üblichen Anordnung, in der die Zimmer in einer Reihe auf­einander folgten, dem englischen, „zentralen", Design folgte. Das „Herz" des Hauses war die Diele im Erdgeschoß, wo „die gemeinsame Arbeit der Familie, die gemeinsame Kunst, das gemeinsame gesellschaftliche Leben und die gemeinsamen Mahlzeiten" (Sándor Nagy) stattfanden. Von hier hatte man Zugang zum Schlafzimmer, zum Badezimmer und zur Küche. Im ersten Stock befanden sich das Atelier und zwei kleine Zimmer. Im Haus von Sándor Nagy sind in dem kleinen Fens­ter des Raumes im Erdgeschoß eine Glasmalerei mit Blumen­schmuck und ein von Ede Thoroezkai Wigand entworfener Arbeitstisch erhalten geblieben. Auf einem zeitgenössischen Photo Medgyaszays vom Inneren des Belmonte-Hauses sind bemalte Brettermöbel zu sehen, die - ebenso wie die Wände von Sándor Nagys Haus ín Veszprém - mit einer feinen Orna­mentik aus rankenden Pflanzen versehen sind. Sándor Nagy und Medgyaszay präsentierten auf der Weltausstellung in Mailand ein Interieur mit dem Titel „Das Zuhause eines Künst­lers" [Művészember otthona] aus geschnitzten und bemalten Säulen, das eine Balkendecke hatte und im Geiste des gemeinsamen Schaffens mit in der Werkstatt hergestellten Kissen, Decken, Teppichen und dem Gobelin „Familie" [Család] von Aladár Körösfői-Kriesch ausgestattet war. In ihren Möbelentwürfen ist die englische Funktionalität bestimmend. Der Einfluß der Volkskunst zeigt sich auf ver­schiedene Weise, in der Konstruktion, z. B. in der Anwendung der Truhenform, in der Ornamentik oder in den mit stilisierten volkstümlichen Genreelementen verzierten Accessoires. Als herausragendster Möbeldesigner galt der Architekt Ede Tho­roezkai Wigand. Seinen Möbelstil interpretierte auch die eng­lische Kritik als Realisierung des Arts and Crafts. Unter seinen Werken finden sich auch auf Biedermeierquellen zurück­greifende und mit reichem Schnitzwerk versehene „erzäh­lende" Möbelstücke. Ödön Moiret entwarf für den Eigen­gebrauch zumeist rustikale Möbel, die eine individuelle Integ­ration des Wiener und des schottischen Interieurdesigns auf­weisen (1907-1908). Auch Mariska Undi war eine bedeu­tende Möbeldesignerin. Ihr Kinderzimmer entstand unter Be­rücksichtigung der Bedürfnisse des Kindes als gut durch­dachtes funktionales Design, dem sie die einfachen Formen der volkstümlichen Möbel, so z. B. die Truhenform, zugrunde legte. In ihrem Frauenarbeitszimmer ist ebenfalls der Einfluß der Volkskunst zu erkennen, aber die Konstruktion der Möbel weist die Charakteristika des Wiener Geometrismus auf. Die Gödöllőer stellten sich erstmals 1904 im Kreis der Kunstfreunde gemeinsam vor. Körösfői-Kriesch verwandte in seinem Männerarbeitszimmer Kalotaszeger Motive, bemalte Holzbalken und Grabholzornamente, in dieser Ausstellung waren noch die in den Webschulen von Torontál [ehem. Burg­komitat, im Grenzgebiet des heutigen Ungarn, Serbien und Rumänien] und Pozsony [heute slowak. Bratislava] gefertig­ten Teppiche zu sehen, weiterhin Sándor Nagys Lederarbeiten und Léo Belmontes Ölgemälde. Die Interieurs von damals sind zum großen Teil nur noch auf Fotos zu sehen, von den Wanddekorationen sind lediglich Bruchstücke erhalten, lm Sándor-Nagy-Haus finden sich noch einige Tierfigurschablonen, die für die Wanddekoration ver­wendet wurden, sowie Entwürfe für Metallschalen, Krüge und Spiegel im Jugendstil. DER GARTEN Die Architekten und Designer sowie die Maler betrachteten den Garten als einen organischen Bestandteil, eine Verlänge­rung des Hauses. Dies galt vor allem für Thoroezkai Wigand, der auch nach den Formen der alten ungarischen Gärten forschte und nach der Vorlage von Kalotaszeger Gärten den imaginären Garten der Frau Réka entwarf. Von Körösfői-Kriesch, Sándor Nagy und Mariska Undi sind zahlreiche Gartendarstellungen bekannt: Aladár Körösfői­Kriesch: „Hof" [Udvar], 1906; „Detail eines Gartens in Gödöllő" [Gödöllői kertrészlet], 1910. Sándor Nagys Gemälde „Früh­lingsanfang" [Kora tavasz] (um 1910) hat trotz seiner minu­ziösen naturalistischen Details eine intime Atmosphäre, während Körösföi-Krieschs „Lilien" [Liliomok] (1906) trotz seiner traditionellen Darstellungsweise symbolische Inhalte birgt. Einen neuen Ton stellte Rezső Mihály vor, dessen Pierrot-

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