Arrabona - Múzeumi közlemények 3. (Győr, 1961)
P. Balázs: Das ungarische „Marseille”
La seconde partie de l'étude qui traite des mouvements paysans du comitat de Győr paraîtra dans le numéro de l'Annuaire de l'année prochaine. P. Balázs * * # DAS „UNGARISCHE MARSEILLE" (Soziale Kämpfe in der Stadt und im Komitat Győr) Verf. zeigt uns ein bis jetzt unbekanntes Blatt der Geschichte des Jahres 1848. Bevor er uns mit den Ereignissen bekannt machen würde, gibt er kurz gefasst ein Bild der damaligen sozialen Verhältnisse, weil ohne einer Analyse der wirtschaftlichen Grundlage und der sozialen Struktur das Verständnis der häufig im Gegensatz zu einander stehenden Ereignisse nur schwer möglich wäre. Die Stadt Győr war um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine der Zentren des nach Wien gerichteten ungarischen Getreidehandels. Kennzeichnend für die Grösse des Kapitals, das sich in den Händen der Kaufleute aufgehäuft hatte, ist, dass die Handelsfamilien von Győr die Gründung einer Donauschiffahrtsgesellschaft — ein gegen Wien gerichtetes Konkurrenzunternehmen — in Erwägung zogen. Studie weist ferner darauf hin, dass sich die Einschränkungen des Zunftssystems auf die 2000 zunftmässig gewerbetreibenden Einwohner nur allzu deutlich fühlbar machten. Gleichzeitig bestand auch eine starke Differenzierung des Vermögenstandes und der Erwerbsmöglichkeiten der zünftigen Arbeiterschaft. Die vielen hundert Spediteurarbeiter — die volkreiche Gruppe der ledig gebliebenen Zunftgesellen mitinbegriffen — bildeten eine starke städtische Plebejersch'ichte, deren Unzufriedenheit durch das Notjahr 1847 nur noch gesteigert wurde. Schon in den Jahren vor der Revolution 1848 standen sich Konservative und Liberale auf den Komitatsversammlungen in heftigem Kampf gegenüber. An der Spitze der Reformkämpfer standen die sog. „Zehn von Győr." Mehrere unter ihnen hatten die fortschrittlichen Ideen im Ausland kennengelernt. Die bedeutendste Rolle aber spielte in den Tagen der Revolution der junge Advokat von Győr, Sándor Lukács. Das Hauptquellenwerk vorliegender Studie ist die handgeschriebene Anklageschrift des kaiserlichen Kronanwaltes, Mihály Zánthó, die nach dem Einmarsch der kaiserlichen Truppen in Győr, im Januar 1849 gegen alle, die sich während der Revolution „kompromittiert" hatten, erhoben wurde. Aus der Anklageschrift geht hervor, dass die Leiter der Revolution in Győr — die sich „Genossen" nannten — planmässig zur Besprechung der verschiedenen Obliegenheiten zusammenkamen. Die Hauptanklage, die gegen die „Zehn von Győr" erhoben wurde, war, dass sie im April 1848 zur Sanktionierung der revolutionären Gesetze einen bewaffneten Aufzug der Bürgerschaft von Győr nach Pressburg organisiert hatten. Dies nahmen die Zeitgenossen zum Anlass, um Győr das „ungarische Marseille" zu nennen. Die Bevölkerungsbewegungen waren in der Stadt und in der Provinz anlässlich der städtischen Beamtenneuwahlen und der Abgeordnetenwahlen im Komitat am heftigsten. Auch der Flugschriften-Kampf zwischen Konservativen und Liberalen erreichte um diese Zeit seinen Höhepunkt. Schliesslich endeten die Wahlen im Komitat mit dem totalen Sieg der Radikalen. Studie befasst sich auch mit der Rolle der Abgeordneten im Reichstag, die durchgehend dem Fortschritt gedient hatte. P. Balázs 124