Fitz Jenő (szerk.): A Pannonia Konferenciák aktái IV. Bronzes Romains figurés et appliqués et leurs problemes techniques - István Király Múzeum közelményei. A. sorozat 27. A Pannon konferenciák aktái 4. (Székesfehérvár, 1984)

K. Gschwantler: Eine bronzene Eberstatuette aus Enns-Lauriacum

In Italien gefertigte oder von italischen Werkstätten ab­hängige Eberstatuetten kommen für einen Vergleich nicht in Frage. Sie sind viel naturalistischer, bewegter, leiten sich meist von hellenistischen Vorbildern wie dem Eber in den Uffizien in Florenz (Lippold 1950,338, Anm. 2; Mansuelli 1958, 78—80, Nr. 50) ab, das Borstenkleid ist in einzelne Haarbüschel plastisch aufgelockert. In seinem Gefolge ist z.B. auch der sitzende Eber aus dem Statuettenfund von Schwarzenacker (Saarbücken. Landesmuseum für Vor-und Frühgeschichte; H. 8,6cm-Römer am Rhein 1967, 330—331 H 3e ; Rolling 1967,26—30) entstanden, aber auch einen un­­publizierten Eberkopf in Wien (Taf. XXXVII, 2; Kunst - historisches Museum, Antikensammlung, Inv. VI 4740 — Bronze, Hohlguß, H. 6 mm, L. 6,5 mm Fundort unbekannt) kann man hier anschließen. Einige andere Statuetten zeigen eine mehr zeichnerische Haarbehandlung, Beispiele dafür sind der stilistisch jüngste der drei Eber von Neuvy-en-Sul­­lias (Taf. XXXVII, 3) Orléans, Musée hist, de l’Orléanais, Inv. 2158, stark ergänzt; H, 0,80 m, L. 1,21 m.- Braemer 1969, 91-92), der Eber aus Luxemburg in Paris (Musée du Louvre — Froehner 1885, Taf. 44; L’art 1963 Nr. 461) oder die Wildsau aus Cahors in Saint-Germain-en-Laye (Reinach 1894,267—268, Nr. 265 ;L'art 1963, Nr. 268) (n). Auffallend ist die Tatsache, daß bei keiner der keltischen Eberstatuetten das Borstenkleid — sieht man vom Kamm ab — am Körper wiedergegeben ist(12 13). Für die beim Ennser Eber angewandte Technik des Punzierens finden sich die engsten Parallelen an den Tierfriesen zweier sogenannter Humpen aus dem Hildesheimer Silberfund, die sich mit noch einigen anderen Gefäßen vom übrigen Fundkomplex abheben: Auf dem einen, nur fragmentarisch erhaltenen Humpen besteht der Fries aus zwei Widdern und einem Ziegenbock, auf dem zweiten, gut erhaltenen, stehen sich Stier und Löwe und zweimal Hund und Eber in Kampfgruppen gegenüber (Taf. XXXVII, 4; Berlin, Staatliche Museen, Antikenabteilung, Inv. 3779,66—67 — Gehrig 1967, 15, 20—21,Farbtaf. IV, Taf. 8 ; L’art 1963, 2—3, Nr. 114, Taf. VIII-IX). Die Parallele besteht nun nicht nur darin, daß Fell bzw. die Borsten sämtlicher Tiere gepunzt sind, bei einigen Tieren (Widder, Hunde, Eber) ist eine ganz ähnliche, halbmondförmige Punze verwendet, wobei entsprechend der Doppelreihe in der Körpermitte des Ennser Ebers auch dort auf eine Reihe mit oben offenen Punzen eine andere folgt, bei der die Öffung nach unten zeigt. Schon E. Pernice und F . Winter hatten die Meinung vertre­ten, daß diese Gefäße, im Gegensatz zum übrigen Teil des Schatzes, nicht in italischen Werkstätten, sondern in Gallien oder den Rheinprovinzen entstanden seien (Pernice-winter 1901, 68—69, Taf. 38—40); F. Drexel hielt sie für „Arbeiten der frühen Kaiserzeit aus einer Ecke der kel­tischen Donauprovinzen'1 (Jdl, XXX, 1915, 34, Abb. 15—16). Ohne diese Parallelen überbewerten zu wollen, möchte ich auch den Ennser Eber am ehesten als ein provinzial­römisches Erzeugnis ansprechen, wenn man darunter die Verschmelzung provinzialer — in unserem Fall keltischer — (12) Vgl. auch den Eber von Mezek: Devambez 1937, 13—19 Taf. 3—5; Jacobsthal 1944 152 Taf. 260 Abb. g. (13) Der Eber von Neuvy-en-Sullias (Abb. 16) ist unter kelti­schem Einfluß entstanden, ist aber ein Werk römisch-pro­vincieller Kunst: vgl. Moreau 1958, 122 Elemente mit solchen der römischen Kunst und Kultur versteht. Auf keltische Tradition gehen meines Erachtens der stilisierte Borstenkamm, das steife Standmotiv, vielleicht auch der ornamentale Zug in der Haarbehandlung zurück, römisch — in provinzieller Ausprägung —die sparsame, aber doch deutlich vorhandene plastische Modellierung (Fleischer 1967, 15—19; Noll 1980, 34—35). Was die Provenienz der Statuette anlangt, so kann man nur Vermutungen anstellen. Zwar wurde in Enns der Nachweis für die Existenz metallverarbeitender Werkstätten erbracht, dies reicht jedoch, wie bei den meisten Fundorten am Donaulimes, nicht aus, auch den lokalen Guß von Bronzestatuetten annehmen zu können(14). Wie die Sigil­­lataware, die schon im 1. Jh. n.Chr. aus Gallien nach Lau­­riacum importiert wurde (Karnitsch 1955,16—19, Taf. 16 — Zum Ebertypus s. Taf. 1, 6,8; 2, 2.6; 3,1), wird man sich auch die Eberstatuette am ehesten in Gallien oder am Rhein entstanden denken. Für eine solche Provenienz scheint mir auch die Silberplattierung der Augen zu sprechen. Zwischen dem 1. Jahrhundert v. und dem 1. Jahrhundert n. Chr., da in Gallien unter römischem Einfluß spâtlaténezeit­­liche Werke vor allem der Kleinkunst und des Kunsthand­werks zu gallorömischen werden, wird demnach auch die Ennser Eberstatuette entstanden sein, wobei ich mich eher für das 1. Jh. n.Chr. entscheiden möchte(15). Für die Geschichte von Lauriacum stellt die Eberstatu­ette einen weiteren und sehr kräftigen Beweis für das kelti­sche Bevölkerungselement, aber auch für sein kulturelles Beharrungsvermögen dar, das den Romanisierungsprozeß offensichtlich nur sehr langsam vor sich gehen ließ (Pittioni 1980,218—220; Vetters 1977,355—362; Eckhart 1982,100). Die keltische Siedlung, die derersten römischen aus f lavischer (Ubl 1976,10—11) Zeit vorangegangen sein muß, ließ sich zwar für Lauriacum leider noch nicht lokalisieren, doch ist ihre Existenz —- abgesehen von der keltischen Wurzel des Namens (Holder II1896, 160—161; Eckhart 1982, 107, Anm. 3) — auch aus Bodenfunden und in Erzeugnissen des Kunsthandwerks faßbar, die keltische Stilelemente und Techniken tradieren (Jobst 1975, 26—27, Kat. Nr. 1—3 [Aucissafibeln] ; Kenner 1951, 592, Abb. 52 aus Enns [kel­tischer Durchruchstil]; Ubl 1978, 16—22; Ruprechtsber­ger 1978, 41—44 (bemalte Spâtlaténeware). Abschließend soll noch die Frage nach dem vermutlichen Verwendungszweck, nach der Funktion der Ennser Ebersta­tuette gestellt werden. Der Eber spielt bekanntlich eine wichtige und vielfältige Rolle im Kult der Kelten, man hat ihn das keltische Kulttier par excellence genannt (Ross 1967, 308—309), wobei man auch an die frühe Existenz eines Eber­gottes (Baco, Moccus) gedacht hat (Moreau 1958, 103; Megaw 1970, 139-140, Abb. 226)(16). Von diesem reichen Symbolgehalt, der magischen und apotropäischen Kraft (14) Zur lokalen Produktion von Fibeln: Jobst 1975, 27, 57, 67—68. —- Kleine Ambosse von Metallhandwerkern: Eckhart 1982, 107., Anm. 9. — (15) Die Unsicherheit in der Datierung gerade dieser Statuetten ist allgemein groß: z.B. Eberstatuette von Bâta (Taf. XXXV, 3): Duval 1977:1. Jh.v. — 1. Jh.n. ; Szabó 1971: 2. Jh. v. (16) Arduinna auf Eber: Reinach 1894, 50 Nr. 29; de Vries 1961, 90, 114. — Vgl. die Statuette der Bärengöttin Artio aus Muri (Bern, Histor. Museum): Die Kelten 1980, 296 Nr. 216 mit Abb. 74

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