Fitz Jenő (szerk.): Kunst und Mythologie der Landnehmenden Ungarn - István Király Múzeum közelményei. A. sorozat 23. (Székesfehérvár, 1979)
der Glaube an den Seelendualismus bis zur Epoche der Landnahme weiterlebte. Diese Diskussion kann auch auf Grund der Völkerkunde weitergeführt werden, was ich für eine andere Arbeit Vorbehalte. Wesentlich ist, daß eine Quelle über den Glauben an eine „Kopfseele” aus der Zeit des Streifzuges der Ungarn nach Cambrai erhalten ist; dies will ich hier jedoch nicht wiederholen. Hier habe ich mir eine andere Aufgabe gestellt. Einerseits will ich an Hand der Arbeiten der Stockholmer Religionsforscher — besonders der Monographie des ausgezeichneten Esten Ivar Paulson — das Wesen des Glaubens an die Doppelseele beschreiben. Anderseits, was wichtiger und interessanter ist, möchte ich, die ungarischen Denkmäler des 10. Jahrhunderts als ethnologischen Hinterlaß betrachtend, die landnehmenden Ungarn selber sprechen lassen, d. i. eine ethnologische Sammlung in diesem kompetentzesten Kreis durchführen. Die Tatsachen sollen für sich reden. Die Körperseele. — Eine der Grundvorstellungen des alten völkischen Begriffes „Seele” ist die „Körperseele”, d. i. der Begriff der „körperlichen Seelen”, die alle Lebensfunktionen (Lebensseele) und geistige, intellektuelle Eigenschaften (Ichseele) tragen, eigentlich selbst die Lebenskraft, Lebensfähigkeit darstellen, also alles vertreten, was den Lebenden vom Toten unterscheidet. Am auffallendsten zeigt sich diese Seele im Atem ; nur der lebende Mensch atmet, sein Atem ist in kälterem Wetter bereits mit freiem Auge sichtbar. Diese als Hauch wahrgenommene Seele könnte am ausdruckvollsten Atemseele oder Hauchseele genannt werden. Solange wir atmen, arbeiten unsere Organe, das Herz schlägt, das Blut zirkuliert. Diese Seele ist im Inneren des Menschen verborgen. Sie steckt im Blute und in den blutreichen Organen, im Herz, in der Leber, in den Nieren, denn wenn das Blut versiegt, geht der Körper zugrunde. Die „Körperseele” kann nur sehr bedingt eine wirkliche Seele genannt werden ; ihr Begriff hatte sich als Ergebnis des Nachdenkens über den Atem gebildet, sie bezeichnet nur die Lebensfähigkeit des Körpers während des Lebens, sie haust im Körper und vergeht mit ihm, sie sichert also keine Unsterblichkeit. Die Freiseele. — Die Erfahrung hat auch die Vorstellung der Ereiseele geschaffen, die auch Schattenoder Ebenbildseele genannt wird, weil sie der Eorm, dem Schatten des Menschen entspricht. Sie ist die freie, körperlose Erscheinung der Person, das zweite Ich, sein Abbild, sein geistiger Doppelgänger, die bereits zu Lebzeiten der Person gelegentlich und übergangsweise sich vom Körper abscheiden und ein eigenes Dasein führen kann. Sie wird im untätigen, unaktiven Zustand des Menschen sichtbar : im Traum als Traumseele; bei den Schamanen-Riten in der Verzückung des Schamanen als Tranceseele; bei verschiedenen Krankheiten, im sog. Seelenverlust als verlorene Seele. Sie wurde durch die Empfindung des Sehorgans verwirklicht, nicht nur dadurch, daß der durch das Licht erzeugte, ihm ähnliche Schatten des Menschen ihn immerfort begleitet, sondern sie wird auch im Traum, in den Gesichten und in der Erinnerung wahrgenommen. Man glaubte, es könne nicht anders sein, als wenn jemand einschläft, in Ohnmacht oder in Verzückung fällt, etwas aus ihm entweicht, und er nur dann wieder zu sich kommt, wenn dieses geheimnisvolle Wesen zu ihm zurückkehrt. Im Traum, in der Verzückung konnte jedoch oft auch das eigene Ich wahrgenommen werden, deshalb hat sich der Glaube entwickelt, daß das Ebenbild des unbewegten Körpers sich von ihm manchmal loslösen und ein eigenes Leben führen kann. Da der Mensch in seinen Träumen und Gesichten seinen lebenden und verstorbenen Angehörigen, seinen Freunden, Feinden und sogar Fremden begegnete, wurde es zur Überzeugung, daß sowohl Lebende wie Verstorbene ein Schattenwesen besitzen, das ihrem Äußeren gleicht. Er war auch auffalend, daß die vom Menschen abgeschiedene und ein eigenes Leben führende Freiseele weit mehr vermag als der körperliche Mensch. Sie konnte in Sekunden weite, nie gesehene Landschaften erreichen, und dann ebenso schnell wieder heimkehren, was nur erklärbar war, wenn diese Seele eine eigenartige Umwandlungsfähigkeit besitzt, wahrscheinlich ein Vogel ist, der herumfliegen kann. Die vom Körper in gewissem Grad unabhängige Freiseele ist im Vergleich zur Körperseele hochwertiger, sie mag als eine der jetzigen Psyche entsprechende Seelenauffassung der damaligen Zeit betrachtet werden, die in etlichen Beziehungen bereits dem Seelenbegriff der späteren Epochen entspricht. Die Freiseele ist fähig, die ganze Persönlichkeit zu repräsentieren, nicht nur bei Lebzeiten, sondern auch nach seinem Tode. Sie ist der weiterlebende Teil der Person, der diese in ihrer Gesamtheit und Wesensgleichheit, als Totenseele, im Reich der Toten, in der unterirdischen Welt vertritt, obzwar der Körper auf Erden verwest. Dieselbe Seele erscheint manchmal als Gespenst, als ein Traumgesicht des Verstorbenen, in der irdischen Welt, mitten unter seinen Verwandten oder seiner Gemeinschaft. Der Glaube an die Freiseele als ein Wesen getrennt vom Körper des Lebenden, und der Glaube an ein Weiterleben des Verstorbenen, bzw. der Totenseele im Jenseits, stammen aus derselben Epoche. Die Urvölker glaubten, daß die Freiseele — welche von einigen Stämmen auch Kopfseele genannt wurde, — im wachen und im handelnden Zustand des Menschen im Kopf wohnt, undzwar da sie — wie bereits erwähnt — sich leicht um wandeln kann, und außerdem der Schädel einen engen Fassungsraum hat, muß sie dementsprechend die Gestalt eines Vogels annehmen. Auch der Glaube, daß die Freiseele im Schädel nistet, war auf Beobachtungen gestützt. Man bemerkte nämlich, daß Menschen bei Schädelverletzungen oder durch Krankheiten verursachte Kopfschmerzen ihr Bewußtsein verloren ; auch der Schamane geriet in Verzückung unter dem Einfluß der berauschenden Getränke, die ihm zu Kopfe stiegen, des ohrenbetäubenden Trommelschlages und des kopfschwindelnden Herumdrehens. Die Ob-Ugrier glaubten, daß solche Menschen ohne 24