A Herman Ottó Múzeum Évkönyve 33-34. (1996)

PORKOLÁB Tibor: A hagyományteremtés kísérlete (Csorba Zoltán több mint fél évszázados irodalomtörténetéről)

EIN VERSUCH ZUR TRADITIONSSCHAFFUNG (ÜBER ZOLTÁN CSORBA UND SEINE MEHR ALS FÜNFZIG JAHRE BORSODER LITERATURGESCHICHTE) Im Jahre 1942 erschien in Miskolc das Buch Miskolc und Borsod in der Literatur von Zoltán Csorba, das bei den ortsansässigen Lesern recht bald unwiderrufliches Ansehen erlangte. Erlären läßt sich dies wohl damit, daß diese Arbeit die erste und bis heute auch einzige literaturhistorische Synthese über die Literatur der Region darstellt. Mit welchem Kult dieses Werk aufgenommen wurde, zeigt sich darin, daß es kaum eine Interpretation gibt, die Anspruch auf Kritik an dem Werk erhebt. Mit der vorliegenden Arbeit unternehme ich - in diesem Sinne - den Versuch, diesem Mangel abzuhelfen, und zwar angeregt durch die Tatsache, daß im Jahre 1994 die zweite Ausgabe von Csorba erschienen ist (Oberungarischer Verlag, Miskolc). Bei einer regional ausgerichteten Literaturgeschichte taucht das Verhältnis von lokaler Perspektive und Literarischem als unausweichliches Problem auf. Auch Zoltán Csorba stellt die Frage, ob es überhaupt möglich sei, aus lokaler Persepktive heraus eine Literaturgeschichte zu schreiben. Doch ob- wohl er die unlösbaren Probleme deutlich sieht, beantwortet er diese Frage auch gleich mit einem Ja. Somit gelingt es ihm nicht, gewisse Widersprüche zu lösen. Einerseits stellt er die Daseinsberechtigung einer autochtonen Borsoder Literaturgeschichte in Frage, andererseits behält er die Möglichkeit der eigenständigen Entwicklung einer lokalen Literatur vor. Dieser Zwiespalt führt natürlich zu Schwierigkeiten in der Einschätzung. Das betont Persönliche und die Verpflichtung gegenüber der Literatur von Borsod verleihen dem Werk Sympathie, drängen es gleichzeitig aber in eine recht gefährliche Position, denn es hat in jedem Moment zwischen akzeptierbarem Regionalismus und selbstbewußtem Provinzialismus auszugleichen. Wahrscheinlich weicht der Verfasser daher einer eingehenderen Untersuchung theoretischer Probleme aus, die von lokalen Aspekten herrühren, da er meint, daß seine Aufgabe darin bestünde, die Werte der Borsoder Literatur aufzuzeigen und damit auch das regionale Literaturbewußtsein zu stärken. Er übernimmt so die schwere und verantwortungsvolle Aufgabe der Vergangenheitsschaffung. Er hat nicht nur den Beweis zu erbringen, daß es eine Borsoder Literatur gibt, sondern er muß auch die Akzeptanz erringen, daß die Borsoder Literatur (auch von der gesamten ungarischen Literatur her gesehen) als eine ausschlaggebende und bedeutungsvolle Literatur existiert. Auf diese Weise wird die historiographische Aufgabe zur Botschaft, die Konstruktion ordnet sich der Repräsentation unter. So ist es nicht von Zufall, daß der Autor hier auch zum Topographen und Bibliographen wird, denn (in Ermangelung jeglicher Vorgeschichte) muß er hier den Versuch unternehmen, einen lokalen Literaturkanon zu schaffen. Miskolc und Borsod in der Literatur wird heute eher als wichtiges kultur­historisches Dokument und als eine der Präzisierung bedürftige regionale Literaturkartei, denn als zeitgemäße Literaturgeschichte aufgefaßt. Die Bedeutung des Bandes besteht vor allem darin, daß hier versucht wurde, literarische Traditionen in Borsod aufzuzeigen, um damit das Fundament für eine lokale kulturelle Selbstidentifikation zu legen. Tibor Porkoláb 557

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