Müller-Walter Judit: Mehr als Lebensgeschichten. Schicksale (Pécs, 2010)

auch lange Zeit im Krankenhaus von Szekszárd. Er erkannte uns damals gar nicht im Krankenhaus. Dann ging es ihm wieder besser, aber noch bis ins hohe Alter quählten ihn schlimme Kopfschmerzen. Meine Mutter kam dann auch auf die Liste, aber sie floh in Pécsvárad. Sie kam auch nicht gleich wieder nach Hause, sondern ging nach Mecske zu ihren Eltern und versteckte sich lange Zeit auf dem Dachboden. In 1948 warf man uns aus unserem Haus. Wir hatten drei bis vier Küchen und beinahe acht Zimmer und eine Innenterasse. Mein Vater ist kurz zuvor aus Russland zurückgekehrt, bzw. aus der Kriegsgefangenschaft. Wir mussten in ein altes Haus umziehen. Ich weiß nicht mehr, was wir alles und wieviel davon wir zurücklassen mussten aber sehr viel bestimmt. Tiere, Pferde, Rinder, Schweine. Ja, daran erinnere ich mich. Damals war ich erst neun Jahre alt. In unserem Leben änderte sich dann sehr vieles. Die fünfziger Jahre brachten auch nicht glücklichere Tage: Armut, das tagtägliche Zusammenleben mit den Siedlern oft auch mit Schlägereien verbunden. Es war schwer für alle, aber auch schön, da wir damals noch jung waren. Frauen und Mädchen aus Nádasd im baskirischen Arbeitslager. Ihre Kleider nähten sie aus den weiten Kleidern, die sie von zu Hause mitgebracht und noch nicht für Nahrungsmittel versetzt hatten. Sie kleideten sich nicht mehr in ihrer alten Tracht. Links Frau István Schultz (Erzsébet Frank) in der Mitte Maria Arnold, Tante Marisch und rechts Erzsébet Gradwohl. Den " schönen" Hintergrund installierte der heimische Fotograf. In diesem Arbeitslager Baskiriens arbeiteten etwa tausend Männer und Frauen deutscher/schäbischer Nationalität, aus verschiedensten Ländern. Über Jahre hinweg arbeiteten sie im Sägewerk, in der Ziegelfabrik im Schienenbau, in der Raffinerie und in der Landwirtschaft. Während des zweimonatigen sibirischen Winters wurden sie nur bei Temperaturen unter -30° C nicht raus zur Arbeit geschickt. Das Foto entstand 1947. Die Jahre des "Schweigens und Verschweigens". Jenseits dem "Malenkij Robot", der Enteignungen und Aussiedlungen. Zwischen den Eltern der 1949 geborene Sohn Antal Schultz, dahinter Maria (links) und Regina (rechts).

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