Müller-Walter Judit: Mehr als Lebensgeschichten. Schicksale (Pécs, 2010)

Dieser gute Mensch half mir auch nach Hause zu schreiben. Er legte mir eine Postkarte vor mich und band mir ans Herz sehr bündig zu schreiben und den Brief an Verwandte zu adressieren, welche nicht in meinem Dorf, sondern in einem anderen Dorf leben müssten, so sei es sicherer. Man erhielt meine Post auch. Wie er das gemacht hat, weiß ich nicht. So erhielten meine Eltern und meine anderen Verwandten Nachricht von mir, wo wir überhaupt sind. Ich adressierte die Post an Pécs, dort wo ich früher einmal gedient habe, von dort holte sie mein Vater ab. Er lief zu Fuß von Nádasd bis dorthin, um ihn abzuholen. Vom dritten Jahr an, durften wir dann jeden Monat einmal schreiben. Wir mussten uns im übrigen nicht davor fürchten, dass uns die russischen Offiziere oder die Wachen Leid antun könnten, denn es war ihnen strengstens befohlen uns mit keinem Finger anzurühren. Häufig mussten wir auch Sonntags arbeiten. Aus dem Geld kauften wir zuerst eine Nähmaschiene, dann eine Zieharmonika und anschliessend eine Geige. Wir hatten ein "Kultursaal" und dort versammelten wir uns am Sonntag Nachmittag und musizierten und sangen zusammen. Noch draußen entschieden wir uns, dass wir wenn wir je nach Hause kommen, aus Dankbarkeit eine Kapelle bauen werden. Als wir unsere ersten Entschädigungszahlungen erhielten, sammelten wir hierfür auch das Geld. Unser Pfarrer ließ den Bischof aus Pécs kommen und der bat uns die Kapelle zu ehren der heiligen Margarete von Schottland, die hier geboren wurde, zu weihen. Und so geschah es dann auch. Zu den vorgeschriebenen Utensilien zur Heimreise gehörten eine Decke, ein Mantel, Unterwäsche und Kleidung bzw. Schuhe oder Stiefel. Da Tante Vavi keine eigene Decke hatte, kaufte sie aus ihrem kleinen Lohn am dortigen Markt eine. Ohne sie hätte sie die Reise nicht antreten dürfen. Heute ist das ihre Bügeldecke. Sie hatten auch keine Koffer, denn damals in 1944 nahmen sie zur Maisernte in die Bácska nur einen kleinen Beutel mit dem Nötigsten mit. Aber zur Heimreise musste man die Sachen in etwas verpacken. Dabei half ein Kamerad, Tischler von Beruf, er stellte Koffer für die Heimreisenden her. Tante Vavi holte die Kiste für mich vom Dachboden.

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